Die Extra-Bescherung bei der Großmutter: Franziska Landau mit ihrer ältesten Tochter und den beiden Enkeln Veronika und Waltraut.
Quelle: Bestand Landau

Weihnachten 1951: Bescheidenes Fest in beengten Verhältnissen

Auf Süßigkeiten konnten die süßen Kleinen lange warten. Für die beiden Töchter der Familie Landau war es stets eine harte Geduldsprobe, bis wieder Naschkram in Reichweite kam. „Süßigkeiten gab es immer nur zu Weihnachten, Ostern und zum Geburtstag“, erinnert sich Veronika Landau. Wenn die 68-Jährige an Weihnachten in den frühen Nachkriegsjahren denkt, stehen ihr denn auch keineswegs nur schöne Geschenke vor Augen, erst recht keine Geschenkeberge. Sondern vor allem die liebevoll zurechtgemachten Gabenteller mit Schokolade, Äpfeln, Orangen und Nüssen. „Das war für uns die Hauptsache, wir freuten uns riesig auf die Leckereien.“

Als besondere Gabe sind ihr die Schoko-Weihnachtsmänner im Gedächtnis geblieben. Ebenso die obligatorische Kokosnuss als Gruß aus der weiten Welt. Auf Südfrüchte hatte man in den Kriegsjahren verzichten müssen, ihnen haftete damals noch etwas Exotisches an. „Wir haben immer wieder gestaunt“, sagt Landau.

Die ärgsten Engpässe in der Ernährung der Bevölkerung waren zu Beginn der 1950er Jahre zwar schon überwunden. Bereits ab Juli 1948 gab es keine Rationierung von Obst, Eiern und Gemüse mehr, die Grundversorgung war gesichert. Die Schulspeisungen neigten sich dem Ende entgegen, die Versorgung mit Care-Paketen war nicht mehr lebensnotwendig. Doch so richtig auf ihre Kosten kamen die Kinder nicht, noch immer hatte Essen, hatte vor allem Süßes einen enormen Stellenwert.

Noch kein „Wirtschaftswunder“

Von normalen Verhältnissen konnte selbst nach damaligen Maßstäben noch keine Rede sein. Die Währungsreform im Juni 1948 galt zwar als Meilenstein, buchstäblich über Nacht füllten sich die Auslagen der Geschäfte mit bislang zurückgehaltener Ware. Doch das viel beschworene „Wirtschaftswunder“ ließ noch auf sich warten. Besonders die Wohnungsnot machte den Menschen zu schaffen. In Bremen hatte der Bombenkrieg knapp zwei Drittel des Häuserbestands zerstört, noch immer lagen weite Teile der Stadt in Trümmern. Der Schutt war beseitigt, aber Ruinen, Baulücken und Brachgebiete inmitten des Zentrums waren noch bis in die späten 1950er und frühen 1960er Jahre ein gewohntes Bild.

Freie Sicht auf den Weihnachtsbaum und die Gaben zum Fest – ein bescheidener Umfang im Vergleich zu heutigen Geschenkebergen.
Quelle: Bestand Landau

Die Menschen mussten zusammenrücken. Bei ausreichend Wohnraum waren Einquartierungen an der Tagesordnung. Wer Verwandte in einer unversehrten Stadtwohnung hatte, versuchte dort unterzukommen.

So auch das junge Ehepaar Landau.

Als provisorischer Unterschlupf diente die kleine 3-Zimmer-Wohnung von Franziska Landau an der Fliederstraße in Hastedt. Dort lebte die resolute Mutter von Helmut Landau zusammen mit ihrer ältesten Tochter. Und seit 1945 auch mit ihrem Sohn und der Schwiegertochter. Nicht zu vergessen der Nachwuchs, der sich im Laufe der nächsten Jahre einstellte: Veronika und ihre Schwester Waltraut. Insgesamt also sechs Menschen in ziemlich beengten Verhältnissen.

Auch mal ohne Kinder: das Ehepaar Marta und Helmut Landau – im Hintergrund: das Heidi-Buch.
Quelle: Bestand Landau

Auf so engem Raum zusammen zu wohnen barg natürlich Konfliktstoff. Dass für die junge Familie zwei der drei Zimmer abfielen, machte es nicht wirklich besser – in dem einen schliefen die Eltern, im anderen die beiden Mädchen. Blieben noch das Zimmer, das sich Franziska Landau und ihre Tochter teilten und schließlich die Wohnküche. Die Toilette nutzen alle gemeinsam, ein regelrechtes Badezimmer gab es nicht. „Auf dem Dachboden stand eine große Badewanne, da musste man dann hoch“, erinnert sich Veronika Landau.

Konflikte auf engem Raum

Nicht ganz auf einer Wellenlänge lagen Schwiegermutter und Schwiegertochter. „Meine Oma war sehr bestimmend“, erinnert sich Veronika Landau. Mithin eine dominante Person im Umgang mit ihrem jüngsten Sohn und dessen Frau. Die sechsfache Mutter hatte allerhand durchgemacht in ihrem Leben. Als Hilfsstewardess war sie eine Zeitlang auf den Lloyd-Dampfern zwischen Bremerhaven und Amerika unterwegs gewesen. Ihr Mann hatte zwischenzeitlich das Weite gesucht, vor dem Ersten Weltkrieg war er bis nach Ägypten und Australien gekommen, aber dann reumütig zurückgekehrt und 1932 an einem Krebsleiden gestorben.

Das dürfte Franziska Landau geprägt haben – ihren Umgangston, ihr gebieterisches Verhalten. Ein bisschen böse Schwiegermutter also, der ewige Klassiker seit Erfindung der Ehe.

Für die feinfühlige Marta war das nichts. „Meine Mutter war sehr auf Form bedacht“, sagt Veronika Landau. Womit gute Umgangsformen gemeint sind – sie liebte den Kavalier im Manne, die gepflegte Konversation. Form und Format gehörten für sie zusammen, sie verabscheute den ruppigen Umgangston ihrer Schwiegermutter.

Beim Naschen „erwischt“: die kelien Veronika.
Quelle: Bestand Landau

Echte Zuneigung konnte da kaum entstehen. Schon gar nicht in der prekären, hygienisch nicht gerade anheimelnden Wohnungssituation. Auf einem der Fotos ist hinter der Sitzecke eine Wolldecke an der Wand zu sehen. Derlei war aber keine etwas eigenwillige Deko, vielmehr wurde damit der Schimmel an der Wand kaschiert. „Damals wurde das eben so gemacht“, sagt Veronika Landau achselzuckend.

Freilich wusste Marta Landau sich gegen ihre Schwiegermutter zu behaupten. Gegen deren Widerstand setzte sie ihre eigene Kochhoheit durch. Auch auf anderen Feldern gelang es ihr, ein Minimum an Distanz zu bewahren. Am Weihnachtsabend beharrte sie auf eine Feier im engsten Familienkreis – und das hieß: ohne die Schwiegermutter. „Wir haben einen Extra-Tannenbaum gehabt“, erinnert sich Landau. Und nicht nur das: „Bei Oma gab es auch eine Extra-Bescherung in der Küche.“

Kein Mumps, sondern eine Mittelohrentzündung: Veronika Landau ließ sich die Festtagslaune trotzdem nicht verderben.
Quelle: Bestand Landau

Bücher und „weiche Geschenke“

Obschon es zweimal ans Auspacken ging, war der Geschenkesegen einigermaßen überschaubar. Zum Weihnachtsfest 1951 erhielt jedes Kind genau ein Geschenk – wenn man die neuen Kleidchen nicht mitrechnet. Für die kleine Veronika gab es einen Teddy, für die große Schwester angemessene Lektüre: den „Heidi“-Roman von Johanna Spyri (hier mehr zu den Verbindungen der Schweizerin nach Bremen). Ansonsten dominierte der praktische Nutzwert, die von Kindern weithin gefürchteten „weichen Geschenke“ machten sich unterm Weihnachtsbaum breit. Auch bei den Erwachsenen spielte Kleidung eine beträchtliche Rolle: Für den Vater gab es ein paar Socken oder Schuhe, im Gegenzug als exquisite Gabe einen Regenschirm. Alles in allem sehr bescheidene Zuwendungen.

Immerhin, ein Adventskalender hing bei Landaus an der Wand. Allerdings nicht gefüllt mit Schokolade wie so viele Exemplare in heutigen Zeiten. „Hinter jeder Tür war nur ein buntes Bildchen“, erinnert sich die 68-Jährige – etwas Süßes wäre ihr wohl lieber gewesen. Zumal sie am Weihnachtsfest 1951 von einer Mittelohrentzündung geplagt wurde. Deshalb der klobige Verband auf den alten Fotos. „Meine Mutter dachte, es sei Mumps.“

Freilich sollte die beengten Verhältnisse nicht von Dauer sein. Bereits im Frühjahr 1952 bezog die junge Familie eine eigene Wohnung in Hemelingen. Und das sollte es noch nicht gewesen sein. Um den Menschen wieder ein anständiges Dach über den Kopf zu geben, trieb der Senat unter Bürgermeister Wilhelm Kaisen (SPD) das Wohnungsbauprogramm voran. Zuerst begann der Wiederaufbau des zerstörten Bremer Westens, dann nahm man sich der Bahnhofsvorstadt an. Auf der grünen Wiese wurden ab Mitte der 1950er Jahre neue Großsiedlungen aus dem Boden gestampft. Erst kam die Gartenstadt Vahr an die Reihe, ab 1957 die Neue Vahr.

Und genau dorthin zog auch die junge Familie Landau. Für Veronika Landau trotz aller Misslichkeiten ein schmerzhafter Verlust, sie vermisste Hastedt, sie vermisste ihre Freundinnen in Hemelingen. So richtig angekommen ist sie nie in ihrem neuen Zuhause in der Neuen Vahr.

von Frank Hethey

Weihnachtsfest in beengten Verhältnissen: Marta und Helmut Landau mit ihren Töchtern Waltraut (l.) und Veronika.
Quelle: Bestand Landau