Das tragische Ende: die Todesanzeige für Georg Wulf.
Quelle: Bremer Nachrichten

Vor 90 Jahren: Absturz des Bremer Flugpioniers Georg Wulf

Erst wenige Minuten war „Einflieger“ Georg Wulf am 29. September 1927 mit seiner „Ente“ in der Luft, als den Zuschauern des Probeflugs plötzlich der Atem stockte. In einer Höhe von 80 Metern neigte sich das Flugzeug in einer Kurve plötzlich nach vorn und trudelte abwärts. Von einem „jähen Sturzflug“ war später in den Bremer Nachrichten die Rede. Nach Sekundenbruchteilen dann der Aufschlag, bei dem die Spitze des Flugzeugs zersplitterte und sich in den Boden eingrub. Ein sofort herbeigeeilter Arzt konnte Wulf nicht mehr helfen, noch am Unglücksort starb der 32-Jährige. Nicht nur für die Bremer, auch für die deutsche Luftfahrt ein schwarzer Tag.

Niemand hatte mit dem tragischen Ausgang des Probeflugs gerechnet. Schon sechsmal hatte Wulf die „Ente“ erfolgreich getestet. Ein neuartiges Flugzeugmodell, das seinem Namen alle Ehre machte. Mit dem schnabelartigen Bug sah es tatsächlich aus wie eine Ente. Die Tragflächen mit ihren beiden Motoren waren hinten angebracht und die Flugkabine davor, während der Pilot in einem offenen Cockpit saß. Von einem „an sich harmlosen kleinen Vorführungsflug“ sprach der Bremer Flugzeugpionier und enge Wulf-Freund Henrich Focke in seinen Memoiren. Nur weil keinerlei Schwierigkeiten zu befürchten waren, hatte man sogar eine Kommission mit Senatsvertretern eingeladen, sich selbst ein Bild von den Fortschritten zu machen.

Und vor den Augen dieser Kommission nun der Absturz. Angeblich soll auch seine Frau Henriette („Henny“) Wulf an der Unglücksstelle gewesen sein. Doch an dieser Nachricht scheint nichts dran zu sein – ein typischer Fall von Legendenbildung. Focke berichtet in seinen Memoiren, er habe sie noch vom Flugplatz aus angerufen. Freilich habe er es nicht über sich gebracht, ihr die volle Wahrheit zu sagen – „nur, daß er schwer verletzt sei und sie gleich kommen möge“.

Was vor 90 Jahren auf dem Flugplatz Neuenlander Feld geschah, bedeutete einen tiefen Einschnitt im noch jungen Bremer Flugwesen. Wulf galt als „Prototyp des Flugpioniers“: ein wagemutiger, dabei intelligenter und humorvoller junger Mann.

Ein Schulabbrecher aus Überzeugung

Als Sohn eines Zollbeamten kam Wulf am 17. Mai 1895 in Bremen zur Welt. Entgegen den Wünschen seines Vaters, der ebenfalls eine Beamtenlaufbahn für seinen Sohn vorgesehen hatte, wurde er Techniker und arbeitete als Maschinenbauvolontär bei der Firma Atlas-Werft in Bremen. Den Schulbesuch auf der Oberrealschule an der Dechanatstraße beendete er vorzeitig – ein Schulabbrecher aus Überzeugung, der lieber tüfteln wollte als büffeln.

Gewöhnungsbedürftiges Aussehen: die Focke-Wulf-Ente.
Quelle: Wikimedia/Bundesarchiv Koblenz

Zu Beginn des Ersten Weltkrieges meldete er sich als Kriegsfreiwilliger. Seine Laufbahn begann er in der Flieger-Ersatz-Abteilung 1, während der gesamten Kriegsdauer flog er in Bombengeschwadern. Wegen Tapferkeit wurde er zum Leutnant befördert und mit dem Hohenzollernorden ausgezeichnet. Am 14. Juli 1915 wurde Wulf vom Deutschen Luftfahrerverband zum Flugzeugführer ernannt. Ein Jahr darauf dann eine schwere Verwundung, ein Schuss durch beide Wangen. Trotz der Verletzung am Unterkiefer konnte er nach sechs Wochen den Kriegsdienst wieder aufnehmen.

Nach Kriegsende 1918 wurde er aus der Fliegertruppe entlassen und begann ein Studium an der höheren Maschinenbauschule Technikum in Bremen. Anschließend arbeitete er als Ingenieur im technischen Büro bei den Francke-Werken.

Flugbegeistert schon in jungen Jahren

Seine Leidenschaft für das Fliegen und Flugzeugentwürfe entwickelte Wulf bereits mit 14 Jahren. Damals verfolgte er den einstündigen Flug des damals bekanntesten deutschen Flugpioniers Hans Grade auf der Vahrer Rennbahn mit.

Seine erste Flugerfahrung machte Wulf 1911 mit seinem fünf Jahre älteren Freund Henrich Focke, dem jüngeren Sohn des Museumsleiters Johann Focke, ohne vorher auch nur eine einzige Flugstunde absolviert zu haben. Zusammen entwickelten die beiden ihr erstes Flugzeug, das sie aus ihren Ersparnissen finanzierten. 1912 gelang Wulf die erste Serie erfolgreicher Flüge. Aus Teilen alter Maschinen bauten Focke und Wulf ihre ersten Flugzeuge. Nur zwei Monate vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges gelang Wulf ein kleiner Überlandflug in 60 Metern Höhe, doch die Landung misslang und die Maschine wurde komplett zerstört.

Ein junger Hüpfer: Georg Wulf bei ersten Flugversuchen.
Quelle: Arthur Estel

Nach dem Krieg widersetzten sich Wulf und Focke dem Flugzeugbauverbot des Versailler Vertrags. Heimlich konstruierten sie im Keller des damaligen Focke-Museums im Stephaniviertel ihre Flugzeuge mit dem Ziel, selbstständig zu werden. 1921 startete Wulf den ersten Flug mit der Maschine ‚Storch‘. Sie gilt als Gründungsmaschine der Focke-Wulf-Flugzeugbau-Gesellschaft, deren Flugzeuge samt und sonders Vogelnamen trugen. Noch vier Jahre nach seinem Tod lernten 50 Schüler mit der ‚Storch‘ das Fliegen.

Dank des großen Erfolges, den die ‚Storch‘ Wulf und Focke einbrachte, konnten die beiden am 1. Januar 1924 ihr eigenes Unternehmen gründen. Die Focke-Wulf Flugzeugbau AG entwickelte sich rasch zu einem renommierten Flugzeughersteller. Wulf war erster technischer Betriebsdirektor und zugleich „Einflieger“ neuer Modelle. Auch seine privaten Lebensverhältnisse konsolidierten sich: Im Januar 1923 heiratete er Henriette Rieke, die Tochter eines Küpers.

Eine Maschine in Entenbauart

Ein besonders ambitioniertes Projekt war die Focke-Wulf „Ente“, kurz FW 19. Focke knüpfte damit an seine Anfänge an, hatte er doch schon 1908/09 zusammen mit seinem Bruder Wilhelm an Flugzeugmodellen in „Entenbauart“ gearbeitet. Die neue „Ente“ wurde mit Unterstützung des Reichs ab 1925 zur wissenschaftlichen und technischen Forschung gebaut, letztlich sollte das Modell als Transportflugzeug eingesetzt werden. Die Versuche zogen die Aufmerksamkeit der internationalen Luftfahrt auf sich.  

Bereits seit dem 2. September 1927 führte Wulf mit der „Ente“ erste Probeflüge durch. Am 29. September startete Wulf die öffentliche Vorführung des neuen Flugzeugtyps „Ente“ auf dem Neuenlander Feld. Schon allein aufgrund ihres ungewöhnlichen Aufsehens sorgte die Maschine für Aufsehen, dennoch galt sie als sicher und ungefährlich. So heißt es in einem Artikel der Bremer Nachrichten vom 7. September 1927: „Ferner ist das Flugzeug in der Luft automatisch stabil, d. h. wenn es selbst von dem ungeschicktesten Führer überzogen wird, so geht es nicht in eine Sturzbewegung über, sondern kehrt automatisch durch Senken der Vorderfläche in eine normale Fluglage zurück.“

Tragischer „Fliegertod“ mit 32 Jahren: Georg Wulf.

Mit ihrer Konstruktion lösten Focke und Wulf ein langjähriges Problem: Erstmals konnte ein zweimotoriges Flugzeug mit nur einem laufenden Motor geflogen werden, ohne dabei die Steuerbarkeit einzuschränken. Bei mehreren Probeflügen gab es damit keinerlei Ärger. Doch am Unglückstag scheint Wulf zusätzlich den Frontflügel geneigt zu haben. Die Focke-Wulf-Flugzeugbau-Gesellschaft sprach in ihrem Untersuchungsbericht von einer Störung des Kräftegleichgewichts zwischen Vorderflügelneigung und einseitigem Propellerflug.

Zu geringe Fallhöhe

Wulf versuchte verzweifelt, den Absturz abzuwenden. Fast wäre es ihm sogar noch gelungen. Laut Untersuchungsbericht glückte es ihm, das Flugzeug „kurz über dem Boden noch wieder in geraden, steilen Gleitflug“ zu bringen, es also unmittelbar vor dem Aufprall zu stabilisieren. Sein Verhängnis war indes die viel zu geringe Fallhöhe von nur 80 Metern, er konnte das Flugzeug deshalb nicht mehr rechtzeitig hochziehen. Im Bericht heißt es, seine Maschine sei „im Durchsacken auf den Boden geprallt“.

Eine wirkliche Überlebenschance hatte Wulf wohl nicht, zu heftig war der Aufprall. Äußerlich blieb der Pilot offenbar weitgehend unversehrt. Wulfs Vater, ein kriegserfahrener Sanitäter, stellte laut Focke einen Genickbruch als Todesursache fest, als er den Kopf seines Sohnes in die Hände nahm. Merkwürdig nur, dass Focke in seinen Memoiren versehentlich einen falschen Todestag angibt – den 30. statt den 29. September 1927. Unter großer öffentlicher Anteilnahme wurde Wulf beigesetzt, die Kapelle auf dem Riensberger Friedhof konnte die vielen hundert Trauergäste nicht fassen.

Auch wenn die Absturzursache mit letzter Sicherheit niemals geklärt werden konnte, wollte man beim Nachfolgemodell auf Nummer sicher gehen. Anders als bei der Wulf-Maschine wurde der Frontflügel mit Kabeln fest fixiert, als F 19a erhob es sich 1930 zum ersten mal in die Lüfte.

An den verunglückten Flugpionier erinnert seit 1955 eine Straße in Flughafennähe.

von Christine Leitner, Kea Neeland und Frank Hethey

Quelle: Bundesarchiv, Bild 102-10579 / CC-BY-SA 3.0, Bundesarchiv Bild 102-10579, Berlin, Zentralflughafen, Focke-Wulf F-19 „Ente“, CC BY-SA 3.0 DE

Sorgte für Schlagzeilen: der „Fliegertod“ des Georg Wulf.
Quelle: Bremer Nachrichten