Nur ansatzweise brutalistisch: die Universität Bremen in den 1970er Jahren (1).
Foto: Archiv b.zb

Auch in Bremen zu finden: brutalistische Bauten aus den 1960er und 1970er Jahren

Moderne Architektur, die das Bild unserer Städte im 20. Jahrhundert entscheidend geprägt hat, war und ist von eine Vielzahl von Ismen umrankt: Rationalismus, Konstruktivismus, Funktionalismus und so weiter. Als in den späten sechziger und vor allem in den siebziger Jahren moderne Architektur immer stärker ins Kreuzfeuer der öffentlichen Kritik geriet, stand in Fachkreisen ein Begriff im Fokus, von dem man – gehörte man nicht zu diesen Kreisen – hätte meinen können, es handele sich um eine Verballhornung eines solchen Ismus. Die Rede ist vom „Brutalismus“.

Wenn man sich Mitte der Siebziger über den zugigen so genannten Boulevard der frisch aus dem Boden gestapften Bremer Uni bewegte (1) oder durch die Hochhausschluchten von Tenever, ließ sich kaum der Eindruck vermeiden, diese Produkte gebauter Umwelt meinten es nicht gut mit dem Menschen, setzten ihm brutal zu. Doch weit gefehlt: In einem solchen architekturkritischen Sinn war der Begriff gar nicht gemeint.

Sogar der Altar des Gemeindezentrums Ellener Brok war in Sichtbeton gehalten (3).
Foto: Dorothea Schmidt

Als Anfang der fünfziger Jahre das junge englische Architektenehepaar Alison und Peter Smithson den „new brutalism“ ausriefen, wurden beide stark durch die jüngsten Werken des Altmeisters der modernen Architektur, Le Corbusiers, angeregt, der die Ästhetik des unverkleideten, „schalungsrauen“ Betons („béton brut“) für sich entdeckt hatte. Der Begriff „Brutalismus“ leitet sich also aus dem französischen Adjektiv „brut“ (roh, unverarbeitet) ab.

Beton revolutioniert das Bauen

Die Entwicklung des Eisenbetons (später Stahlbetons) in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hatte das Bauen zweifellos revolutioniert. Doch wurde der in Schalformen aus Brettern gegossene Baustoff aufgrund seiner unregelmäßigen Oberfläche von Architekten meist schamhaft unter einer Putzschicht verborgen. Nun entdeckte man das Rohe und Ungeschliffene des Materials als neues ästhetisches Ausdrucksmittel, aber auch ethische Kategorie in Sinne eines ungeschminkten, ehrlichen Materialgebrauchs.

Herausragendes Beispiel brutalistischen Bauens in Bremen: die heutige Oberschule Lesum auf einem Foto von 1975 (4a).
Foto: Saebens, archiv b.zb

Diese Sichtweise wurde auch auf andere unterbewertete Materialien und Bautechniken ausgedehnt, etwas auf den Ziegelrohbau, der in der Moderne bis dahin keine große Rolle gespielt hatte und nun als „Backsteinbrutalismus“ geadelt war. Von England aus trat die neue „as found“-Ästhetik rasch einen weltweiten Siegeszug an, der in Deutschland vor allem in den späten sechziger, frühen siebziger Jahren die Architektur deutlich geprägt hat.

In Bremen hat dieser Architekturstil, der, neben der demonstrativen Zurschaustellung einfacher, roher Materialien, auch durch die kraftvolle plastische Gliederung der Baukörper und die fast expressive Betonung von Tragstrukturen und technischen Installationen auffiel, ebenfalls Spuren hinterlassen.

Dabei ist aber weniger an die erwähnten Großbauprojekte Universität und Tenever zu denken. Bei diesen sind zwar brutalistische Stilelemente auszumachen, aber eher in einer banalisierten und schematischen Weise, ohne großen kreativen Esprit. Hier standen wirtschaftliches und technokratisches Denken eindeutig über einem Gestaltungswillen.

Wirkt heruntergekommen: die Oberschule Lesum heute (4b).
Foto: Nina Moellering

Für gute brutalistische Architektur hatte die Hansestadt bessere Beispiele zu bieten. Bevor einige davon angeführt werden, muss aber auf eine gewisse Tragik eingegangen werden, die sich mit diesem Stil verbindet.

Unglückliche Namensfindung

Zum Teil mag es an dem unglücklich gewählten Namen gelegen haben, dass im Rahmen der Kritik an der Spätmoderne, die sich in den achtziger Jahren als „Postmoderne“ Bahn brach, der Brutalismus in der breiten Öffentlichkeit pauschal als „brutal“ wirkende Architektur abgewertet wurde.

Sichtbeton als Stilelement: Treppenhaus des Caritas-Altersheims Marßeler Feld (5a).
Foto: Lothar Klimek, Archiv b.zb

Aber auch das bevorzugte Material des Brutalismus, der Sichtbeton, erwies sich als weniger beständig als seine Protagonisten geglaubt hatten. Durch Frostabsprengungen kam es zu Korrosionsschäden, die schon bald aufwändige Sanierungen erforderlich machte. Der notwenige graue Schutzanstrich nahm dem Beton viel von seiner Ausdruckskraft. Andere Gebäude dieser Periode wurden nicht mehr gebraucht und fielen der Abrissbirne zum Opfer oder wurden durch wenig respektvolle Sanierungen (zum Teil mit dem Zusatz „energetisch“) bis zur Unkenntlichkeit „modernisiert“.

In England, dem Mutterland des Stils, gibt es schon seit Jahren eine Kampagne, die unter dem Motto „SOS brutalism“ für einen Erhalt und respektvollen Umgang mit diesem baulichen Erbe wirbt. Das Deutsche Architekturmuseum in Frankfurt ist auf den Zug mit der aktuellen Ausstellung „SOS BRUTALISMUS – Rettet die Betonmonster!“ (bis 2. April 2018) aufgesprungen. Dass solche Initiativen wichtig sind, zeigt der Umgang mit dem baulichen Erbe dieses Stils in Bremen.

Viel vom ursprünglichen Charakter auf der Strecke geblieben: das Treppenhaus des Altersheims heute (5b).
Foto: Anja Link

Ganz frisch in Erinnerung ist der Abriss des wohl stilreinsten brutalistischen Sakralbaus in Bremen, dem ehemaligen Gemeindezentrum Ellener Brok im Stadtteil Osterholz aus dem Jahr 1969 (2), der, von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt, im letzten Sommer erfolgte. Aufgrund des seit Jahren anhaltenden Schwindens der Gemeindegrößen hatten sich drei Kirchengemeinden des Stadtteils zusammengeschlossen. Ein Gebäude wurde überflüssig, nachdem der Versuch gescheitert war, hier eine Jugendkirche zu etablieren, musste das Haus einem Stiftungsdorf der Bremer Heimstiftung weichen.

Keine lange Lebensdauer: 2009 wurde das Altersheim an der Kornstraße schon wieder abgerissen (6b).
Foto: Eberhard Syring

Im Sinne der reformerischen Ansätze der späten sechziger Jahre hatte vor rund 50 Jahren der Pfarrer der neugegründeten Gemeinde seinen Schwerpunkt auf die Gemeindearbeit gelegt. Mit dem Architekten Hermann Brede schaute man sich im Vorfeld gelungene Beispiele in Holland an. „Ich habe mich dann für Sichtbeton entschieden“, sagte mir der inzwischen hochbetagte Architekt in einem Gespräch, „weil man damit sehr plastisch arbeiten kann und weil in dem Material, wenn man es richtig verarbeitet, eine unglaubliche sinnliche Qualität steckt. (…) Von Le Corbusiers damaligen Umgang mit Sichtbeton hat man sich natürlich inspirieren lassen. Die Art und Weise etwa, wie man die Richtung der sägerauen Bretter variieren kann.“ Sogar der Altar und die von Heinz Lilienthal künstlerisch gestaltete Altarwand waren in Sichtbeton gehalten. (3)

Brutalistischer Zeitgeist

Ein weiteres Beispiel brutalistischen Bauens: die ehemalige Apotheker- und Ärztebank in der Schwachhauser Heerstraße 41 im Jahr 1972 (7a).
Foto: Archiv b.zb

Auch das 1965 als „Gymnasium Lesum“ (heute Oberschule Lesum) an der Bördestraße, Ecke Steinkamp errichte neue Schulgebäude von Hermann Brede ist ein herausragendes Beispiel des Brutalismus in Bremen. (4a+b) Es wurde 1974 mit dem BDA-Preis ausgezeichnet (BDA = Bund Deutscher Architekten). In der Begründung heißt es u. a.: „Hervorzuheben ist die Verwendung natürlicher Materialien bei guter handwerklicher Durchbildung.“

In der Tat setzte Brede hier – neben Elementen aus Sichtbeton – buntes Klinkermauerwerk mit unregelmäßig vorspringenden Steinen sowie hölzerne Fensterfassungen ein. Wer heute das Gebäude besucht, kann von den einst ausgezeichneten Qualitäten nicht mehr viel entdecken. Das Gebäude wirkt heruntergekommen. Man erahnt eine jahrelange Vernachlässigung der Bausubstanz und entdeckt Teilsanierungen, die die ursprüngliche Gestalt vollständig zu ignorieren scheinen.

Verschwunden: der Charme des alten Kassenraums mit seinem Kontrast aus Sichtbeton und poppigen Kunststoffmobiliar (8).
Foto: Archiv b.zb

Ebenfalls 1974 mit einem BDA-Preis ausgezeichnet wurde das Caritas-Altenheim im Marßeler Feld des Architekten Veit Heckrott. Man kann hier von einem der stimmigsten Beispiele eines Backsteinbrutalismus sprechen. „Der Ziegelbau wirkt kraftvoll, doch ruhig zugleich. Sehr gut sind die einfachen baulichen Details“, lobte die Jury.

Auch brutalistisch: das Verwaltungsgebäude der Spedition Lexzau, Scharbau in der Kap-Horn-Straße von 1969 (9).
Foto: Archiv b.zb

Auch hier ist durch eine spätere Sanierung viel von dem Charakter des Baus auf der Strecke geblieben – innen wie außen. (5a+b) Immerhin blieb das Gebäude erhalten – im Gegensatz zu einem weiteren Caritas-Altenheim des Architekten: St. Michael in der Kornstraße. Der 1977 fertiggestellte Bau – ein weiteres gelungenes Werk dieser Stilrichtung – wurde 1978 mit einem BDA-Preis ausgezeichnet. Die Jury lobte die „zurückhaltende Plastizität und die Materialkonzentration vor allem auf den Backstein“.

Das Lob half dem Bauwerk nicht zu einer langen Lebensdauer. (6a+b) Rund dreißig Jahre später wurde es schon wieder abgerissen – angeblich wegen nicht behebbarer Bauschäden. Mag sein, dass es tatsächlich objektive Gründe dafür gegeben hat. Gleichwohl überrascht, dass die Möglichkeit einer Rettung dieses Bauwerks keine Debatte in Fachkreises und in der Öffentlichkeit Wert war, weder die Denkmalbehörde noch der BDA hat sich hier geregt.

Brutalistischer Zeitgeist: das Hauptlager der Überlandwerke Nord-Hannover in der Steubenstraße.
Foto: Archiv bz.b

Tragwerk im Fokus

Die ehemalige Apotheker- und Ärztebank in der Schwachhauser Heerstraße 41 ist ein weiteres gutes Beispiel des Brutalismus in Bremen. Hier wurde die Struktur des Tragwerks in Sichtbeton expressiv in den Mittelpunkt gerückt. (7a+b) Eine respektvolle Sanierung durch den neuen Nutzer hat gleichwohl dem Gebäude einiges von seinem spielerisch experimentellen Charakter genommen. So wurden außen die auf die auskragende Konstruktion gestellten Pflanztröge entfernt. Und der Charme des alten Kassenraums mit seinem Kontrast aus Sichtbeton und poppigen Kunststoffmobiliar ist ebenfalls verschwunden (8).

Vom englischen Backsteinbrutalismus geprägt: die Wohnanlage Marcusallee 1974 (11a).
Foto: Archiv bz.b

Dass der brutalistische Zeitgeist die unterschiedlichsten Architekten inspirierte, kann man an Arbeiten der Bremer Architekten Gerhard Müller-Menckens aus dieser Zeit nachvollziehen, einem Architekten, der sich sonst eher einer traditionalistischen Haltung verschrieben hatte. Zwei gelungene Beispiele sind das Verwaltungsgebäude der Spedition Lexzau, Scharbau in der Kap-Horn-Straße von 1969 und das Hauptlager der Überlandwerke Nord-Hannover in der Steubenstraße von 1972. Ersteres steht auf der Decke des ehemaligen U-Boot-Bunkers „Hornisse“, dessen grobe Sichtbetonkonstruktion sich mit dem treppenförmig ansteigenden Neubau, der durch auskragende grobkörnige Waschbetonbrüstungsbänder gegliedert wird, hervorragend ergänzt. (9) Eine spätere Verkleidung der Brüstungen durch blaue Platten erscheint dagegen recht ungeschickt und wertet den Charakter des Baus stark ab.

Die Wohnanlage Marcusallee 2011 (11b).
Foto: Benjamin Stueck

Das ÜNH-Lagergebäude wird durch eine Kombination ebensolcher Waschbetonplatten mit gelben Ziegelwänden bestimmt, die sich zur Steubenstraße hin dynamisch staffeln. (10a+b) Auch an diesem Gebäude hat der Zahn der Zeit seine Spuren hinterlassen – doch wäre hier ein Versuch einer respektvollen Wiederherstellung des Originalzustands sicher nicht unmöglich – wenn man es denn wollte.

Alles in allem überwiegt ein negatives Fazit, folgt man den Spuren dieses Stils in der Hansestadt. Doch es gibt auch Ausnahmen. Zu den positiven Beispielen eines respektvollen Umgangs mit dem baulichen Erbe dieser Zeit zählen die Wohngebäude der Dr. Hübotter Wohnungsbau GmbH aus den späten sechziger und frühen siebziger Jahren. Und als eines der besten Beispiele darunter ist die Wohnanlage Marcusallee/Emckstraße aus dem Jahr 1974 zu erwähnen, die deutlich vom englischen Backsteinbrutalismus geprägt ist. (11) Der Bauherr ist zusammen mit seinen beiden Architekten Kristen Müller und Kurt Schmitt extra nach London gefahren, um sich dort Inspirationen zu holen. Die Anlage mit rund hundert Eigentumswohnungen besticht durch ihre klare plastische Gliederung und ihr differenziertes Wohnungsangebot. Das 1978 mit einem BDA-Preis ausgezeichnete Gebäude ist auch heute noch in einem guten Erhaltungszustand. (12)

von Dr. Eberhard Syring

Erst kürzlich abgerissen: das Gemeindezentrum Ellerner Brok von 1969.
Foto: Hermann Ohlsen, Archiv b.zb