Scharlach und Masern verbreiteten sich in den Bremer Bunkern. Quelle: Meyers Konversations-Lexikon

In den Schutzbauten grassierten gegen Kriegsende zahlreiche Epidemien / Auch Masern-Fälle festgestellt 

Frustriert notierte der Bremer Kinderarzt Dr. Albrecht Mertz am 5. April 1945, die drangvolle Enge in den Bunkern sei eine „ideale Brutstätte“ für die Ausbreitung von Epidemien. Neben Scharlach und Diphtherie nannte der damals 54-Jährige auch eine Krankheit, die immer mal wieder durch plötzliche Ausbrüche für Aufsehen sorgt: Masern.

Die Tagebucheintragungen des Arztes vermitteln ein anschauliches Bild der schlechten medizinischen Versorgung in den letzten Kriegswochen. Über seine beschränkten Möglichkeiten, die Epidemie einzudämmen, machte sich Mertz keine Illusionen. Selbst bei frühzeitiger Diagnose könnten Infektionsfälle kaum isoliert werden, weil von ihm ausgesprochene Bunkerverbote nicht beachtet würden. Seine einzige Hoffnung: „Mit faulen Kompromissen suche ich das immer noch Schlimmere zu verhüten.“

Auch nach Kriegsende war es keineswegs vorbei mit den ansteckenden Krankheiten. Im Gegenteil, die katastrophalen Lebensbedingungen begünstigten ihre rasche Verbreitung. Im Juni 1946 meldete der Weser-Kurier die Ankunft eines „Seuchenzuges“ aus dem Osten. Unter den Ausgewiesenen seien neben Masern auch Fälle von Typhus und Ruhr festgestellt worden. Immerhin konnten die Behörden diesmal wirksame Gegenmaßnahmen ergreifen: Der Zug wurde kurzerhand unter Quarantäne gestellt.

1948 über 330 Tuberkulose-Opfer

Noch in Nachkriegszeiten verbreitet: Tuberkulose, hier ein Test 1954.
Quelle: Queensland Newspapers Pty Ltd

Selbst in den Folgejahren blieben grassierende Infektionskrankheiten eine ständige Bedrohung. 1948 zählte die amtliche Statistik 333 Tuberkulose-Opfer in Bremen. Damit belegte Tbc in der Top 10-Liste der tödlichen Krankheiten den vierten Rang. Zwar weit abgeschlagen, aber trotzdem noch prominent platziert folgten weitere Infektionskrankheiten. An Keuchhusten starben 18 Patienten, an Diphtherie 13 und an der Grippe sieben – immerhin nur ein schwacher Nachklang der verheerenden Grippe-Epidemien von 1918 und 1920 mit Hunderten von Toten. Weitere Todesopfer forderten Typhus (3), Scharlach (2) und Masern (1).

Erst die Verbesserung der hygienischen Verhältnisse sowie die forcierte Bekämpfung vor allem der Tuberkulose sorgten in den frühen 1950er Jahren für eine spürbare Entspannung der Situation. Ein Impfstoff gegen Masern wurde 1958 entwickelt und war seit 1963 allgemein erhältlich. Bis sich die Masern-Impfung als Standardimpfung durchsetzen konnte, sollte es allerdings noch knapp zwei Jahrzehnte dauern. Umso ernüchternder, dass Masern neuerdings wieder um sich greifen und sogar Todesfälle zu beklagen sind.

von Frank Hethey

Bleibende Schäden: Im August 1944 verwandelte ein alliierter Bombenangriff den Bremer Westen in eine Trümmerwüste. Aus der Luft eröffneten sich die Dimensionen der Verwüstung in Walle. Der Blick geht in Richtung Zentrum mit dem Hochbunker Zwinglistraße zwischen Utbremer Straße (links) und Wartburgstraße.
Quelle: Imperial War Museum