Ein denkwürdiger Tagebucheintrag: Am 1. Mai 1945 grübelte Ex-Senator Theodor Spitta über den „Führer“ – und kam zu erstaunlichen Ergebnissen

Es war schon tief in der Nacht, als Radio Hamburg am 1. Mai 1945 die Nachricht von Hitlers Tod verbreitete. Schicksalsschwere Klänge von Richard Wagner und Arnold Bruckner bereiteten die Zuhörer auf eine „wichtige Meldung“ vor. Um 22.26 Uhr dann die Bestätigung dessen, was sich schon längst abgezeichnet hatte. Mit tragender Stimme verkündete der Sprecher, aus dem Führerhauptquartier werde gemeldet, „unser Führer“ Adolf Hitler sei „bis zum letzten Atemzug gegen den Bolschewismus kämpfend“ für Deutschland gefallen.

Bremen kaputt: Nach Kriegsende lag die alte Hansestadt in Trümmern, hier die Buchhandlung Leuwer an der Obernstraße.
Quelle: Staatsarchiv Bremen

Nur wenige Stunden später beugte sich in Bremen ein distinguierter älterer Herr über sein Tagebuch. „Das Ableben Hitlers geht mir nach“, schrieb der frühere Senator und zweite Bürgermeister Theodor Spitta. Er sei erleichtert, dass Hitler nicht in Feindeshand gefallen sei. „Leben und Laufbahn dieses Mannes waren ungewöhnlich, ja einzigartig“, so der damals 72-Jährige. Zumindest in den ersten fünf Jahren seiner Herrschaft habe Hitler „Großes erreicht“. Beifällig beurteilte Spitta den Versuch, ein großdeutsches Reich zu errichten und gleichzeitig eine europäische Einigung ohne Russland und das britische Weltreich ins Auge zu fassen. Als „zukunftsträchtige Ideen“ erschienen Spitta „die Verkündung der Volksgemeinschaft und die Pflege völkischer Art“.

Denkwürdig auch, was Spitta zum Holocaust zu sagen hatte, über dessen Tragweite er sich offenbar keine Illusionen machte: „Hitler erstrebte eine Austilgung des Judentums in Deutschland, möglichst auch in Europa; das Ergebnis ist, daß das Judentum überall zu großem Einfluß kommt und besonders in Deutschland viele leitende Stellen in Staat, Wirtschaft und Kultur einnehmen wird.“ Das verstörende Fazit: „Es bleibt zu beklagen, daß Hitler in seinen und seines Reiches Untergang auch fruchtbare und wertvolle Ansätze einer besseren staatlichen, völkischen, sozialen und wirtschaftlichen Zukunft mit hineinreißt.“

Spitta als NS-Sympathisant?

So ziemlich ratlos lassen Spittas Auslassungen den Leser heute zurück. Der hochgeschätzte Spitta als NS-Sympathisant? Das erscheint einigermaßen abwegig. Immerhin war der Jurist maßgeblich an der Ausarbeitung der bremischen Verfassungen von 1920 und 1947 beteiligt, als liberaler Politiker war er auf Landesebene einer der einflussreichsten Köpfe in den Jahren der Weimarer Republik. Schon vor der NS-Machtübernahme arbeitete der Gentleman-Politiker eng mit seinem Senatorenkollegen Wilhelm Kaisen (SPD) zusammen, in den frühen Nachkriegsjahren bildeten sie ein kongeniales Duo im Bremer Senat: Kaisen als Bürgermeister, Spitta als sein Stellvertreter und Justizsenator.

Woher dann aber im Mai 1945 ein solches Mitgefühl für Hitler, wie passt das zusammen? Eigentlich gar nicht, sollte man meinen. Von der liberalen Ikone Spitta scheint kein Weg zu Hitler zu führen. Zumal Spitta nie Parteimitglied war und als Mitglied des Rumpfsenats im März 1933 mit Schimpf und Schande aus dem Rathaus gejagt wurde. Wie kam ein solcher Mann dazu, Hitler als „ungewöhnlich, ja einzigartig“ zu bezeichnen?

Zur Beantwortung dieser Frage bietet die einschlägige Forschung keine sonderlich große Hilfe. Einzig Günter Mohrmann ist in seiner Rezension der Spitta-Tagebücher über den Passus zu Hitler „gestolpert“. Für ihn handelt es sich um die „bemerkenswertesten Teile“ der Aufzeichnungen. Wobei er sich wundert, dass Spitta eine „völlige Verurteilung“ Hitlers vermied.

Doch mehr ist dazu nicht in Erfahrung zu bringen, Spittas Verhältnis zum NS-Regime bleibt merkwürdig diffus. Was auch an bislang unterbliebener Recherche liegt. Erstaunlich genug: Eine wissenschaftlichen Ansprüchen genügende Biografie des prominenten Liberalen sucht man vergebens, noch immer müssen sich Geschichtsinteressierte mit dem schon reichlich angestaubten Spitta-Aufsatz von Herbert Schwarzwälder aus seinem Sammelband „Berühmte Bremer“ von 1972 begnügen.

Im ersten Bremer Nachkriegssenat vom Juni 1945 gab es mit dem früheren deutsch-nationalen Politiker Erich Vagts noch einen Regierenden Bürgermeister, hier von links: Christian Paulmann, Emil Theil, Wilhelm Kaisen, Theodor Spitta, Erich Vagts, Hermann Apelt und dahinter Wilhelm Nolting-Hauff.
Quelle: Geschichte der Freien Hansestadt Bremen von 1945 bis 2005, BD. 1, Bremen 2008

Und dieser Beitrag prägt das Spitta-Bild bis heute. Zeichnet Schwarzwälder doch das Bild eines Mannes, der nach 1933 mehr oder weniger kaltgestellt war, ein typischer Repräsentant der vielbeschworenen „inneren Emigration“. Spittas Dienstverpflichtung zu Beginn des Zweiten Weltkriegs misst Schwarzwälder keine eminente Bedeutung zu. Schon gar nicht in seiner Funktion als Mitarbeiter der Bezugsscheinstelle für Textilien, aber auch nicht als de facto-Leiter der Rechtsabteilung des Regierenden Bürgermeisters Heinrich Böhmcker. Die Tätigkeit Spittas habe sich auf das verwaltungsjuristische Gebiet beschränkt, deshalb habe es auch keine Konflikte mit dem „polternden“ Böhmcker gegeben.

Ein brillanter Denker und Analytiker

So ganz von der Hand zu weisen ist diese Lesart sicher nicht. Tatsächlich repräsentierte Spitta das Bildungsbürgertum par excellance, seine Schriften weisen ihn als brillanten Denker und Analytiker aus. Wie anders dagegen der hemdsärmelige Böhmcker, der zwar auch eine juristische Ausbildung genossen und als Rechtsanwalt in Eutin gearbeitet hatte, ansonsten aber so gar nichts hatte von Spittas Weltläufigkeit und feinen Manieren.

In seinen unvollendeten, noch in seinem Todesjahr 1969 veröffentlichten Memoiren bedient Spitta dieses Bild nach Kräften – auf der einen Seite die alte Bildungselite, auf der anderen Seite der geifernde Nazi-Pöbel. Ausführlich schildert er seinen ersten, nicht gerade vorteilhaften Eindruck von Hitler bei dessen Bremer Gastspiel im Weserstadion im Juli 1932. Von Hitler sei er „sehr enttäuscht“ gewesen, der kometenhafte Aufstieg dieses Mannes „ohne Schulbildung, ohne wirtschaftliche und militärische Erfolge, ohne äußere Stellung, nur durch Rede und Geste“ gab ihm Rätsel auf. Erklären konnte er sich Hitlers Beliebtheit nur durch seine „erstaunliche demagogische Begabung“ und „eine geradezu dämonische Gewalt“ über andere Menschen. Aufhorchen lässt allenfalls dieser Satz: „Auffallend war mir, daß Hitler auch auf die sogenannten Gebildeten eine so große Anziehungskraft ausübte.“

Gab aus München die fatalen Anweisungen: der Regierende Bürgermeister Heinrich Böhmcker.
Quelle: Jörn Brinkhus, Die Novemberpogrome 1938 im Land Bremen, Bremen 2013

Wirkte die womöglich auch auf Spitta, wenigstens ein bisschen? Man mag darüber ins Grübeln kommen. Erst recht, wenn man sich die anonym publizierte Schrift „Bremens deutsche Sendung“ vor Augen hält, als deren Verfasser Spitta mit nahezu absoluter Sicherheit gelten muss. Eine Entdeckung, die erstaunlich wenig Beachtung gefunden hat.

Eher beiläufig macht Dieter Pfliegensdörfer 1986 in einer Untersuchung über Bremens Weg „Vom Handelszentrum zur Rüstungsschmiede“ auf Spittas Autorenschaft aufmerksam. Im Staatsarchiv war er auf einen entsprechenden Vermerk im alphabetischen Katalog gestoßen. Der Bremer Kaufmann Friedrich Wilhelm Oelze bestätigt diesen Befund in einem Brief an Gottfried Benn, auch wenn er mit dem Namen nicht herausrücken will. Seinem berühmten Dichterfreund schickte Oelze die Schrift am 25. Juli 1939 mit der Bemerkung, sie sei „von einer mir befreundeten Persönlichkeit, Mitglied des alten Senats, verfasst“. Damit konnte kaum jemand anders gemeint sein als Spitta. Weniger zurückhaltend gab sich der Historiker Friedrich Prüser, der im Oktober 1943 den Verfasser ausdrücklich beim Namen nannte, als er die Abhandlung nach Meißen sandte.

Eine sensible Sache

Geschrieben wurde die 33-seitige Broschüre im Auftrag Böhmckers, sie hatte Hitler bei dessen Bremen-Besuch am 1. Juli 1939 übergeben werden sollen – der „Führer“ war geladen, um die Einweihung der nach ihm benannten Westbrücke vorzunehmen. Doch daraus wurde nichts, der nahende Krieg warf seine Schatten voraus, anstelle Hitlers erschien Großadmiral Erich Raeder. Für Bremen eine verpasste Chance, wieder etwas Boden gutzumachen in der Gunst Hitlers – hatte der bei seinen vorherigen Besuchen im „roten Bremen“ doch nicht gerade den Eindruck gewonnen, an der Weser wirklich willkommen zu sein.

Eine sensible Sache also. Spitta mag Böhmcker als der rechte Mann erschienen sein, in dieser heiklen Angelegenheit die passenden Worte zu finden. Und tatsächlich, in der Broschüre versucht Spitta auf schwer erträgliche Weise, die nationale Gesinnung der Hansestadt durch die Jahrhunderte zu belegen. Dabei scheut er sich nicht, Bremens Leistungen als zwangsläufiges Ergebnis rassischer Unverdorbenheit hinzustellen. Die bremische Bevölkerung habe sich stets eine „ursprüngliche Reinheit des Blutes“ bewahrt, aufgrund dieses „natürlichen rassischen Gefühls“ seien die Juden auch nach der gesetzlichen Gleichberechtigung ohne Bedeutung geblieben. Und das aus der Feder eines Mannes, der sich nach dem Krieg gern auf seine jüdische Urgroßmutter berief.

Frappierend auch, wie Spitta als Liberaler mit den Errungenschaften des historischen Liberalismus abrechnet. Die neue Verfassung von 1854 habe sich von „aller westländischen Formaldemokratie“ ferngehalten, zum Beweis führt er die lebenslange Mitgliedschaft im Senat an.

Wird Theodor Spitta zugeschrieben: die Broschüre „Bremens deutsche Sendung“ von 1939.
Quelle: SuUB Bremen

Kein Zweifel, solche Ansichten waren ganz auf Hitler gemünzt. Als Autor redete Spitta dem „Führer“ nach dem Munde. Eine Kostprobe von der letzten Seite: „Bremen weiß, daß seine Aufgabe größer und schwerer ist als je, denn im Großdeutschland Adolf Hitlers bekommt alles ungeahnte Ausmaße an Größe und Intensität.“ Wahrlich schwer verdaulicher Unfug. Nicht zu Unrecht spricht der Benn-Experte Joachim Dyck von einem „Machwerk“.

Über das Zustandekommen dieses „Machwerks“ dürfte kaum noch etwas in Erfahrung zu bringen sein. Vom Vielschreiber Spitta ist kein Aufschluss zu erwarten, seine Papiere sind bei der Zerstörung seines Wohnhauses an der Kirchbachstraße im September 1942 vollständig vernichtet worden. So wird wohl offen bleiben müssen, ob es sich um eine Gefälligkeitsschrift für Böhmcker handelte oder mehr dahinter steckte, ob Spitta tatsächlich meinte, was er zu Papier brachte. Unklar auch, ob Schwarzwälder die Stellung Spittas womöglich kleiner macht als sie tatsächlich war.

Kein Geächteter

Ein Geächteter war der ehemalige „Systempolitiker“ jedenfalls nicht. Zu seinem 70. Geburtstag rühmten die „Bremer Nachrichten“ im Januar 1943 seinen Einsatz in schwierigen Zeiten. Wie auch immer es sich damit verhalten mag: Sicher ist, Spitta hatte sich zumindest mit dem Regime arrangiert, seinen Dienst als Dienstverpflichteter verrichtete er ohne Murren, als juristischer Berater Böhmckers arbeitete er leise und zuverlässig. Doch anders als Gottfried Benn schlug sich Spitta nie öffentlich auf die Seite der neuen Machthaber, er bewahrte sich eine kühle, sehr hanseatisch wirkende Distanz zum turbulenten Zeitgeschehen.

Freilich wäre es verfehlt anzunehmen, dass dieses Zeitgeschehen spurlos an Spitta vorüberzog. Und genau darin dürfte der Schlüssel zum Verständnis seiner Tagebucheintragung über Hitler liegen.

Grübelte am 1. Mai 1945 über Hitler: der frühere Senator Theodor Spitta.
Quelle: Fa. Lohrisch-Achilles

Denn über eines kann nicht der geringste Zweifel bestehen: Spitta war ein glühender Patriot – und zwar einer, der sich trotz aller liberalen Gesinnung niemals den Verschwörern des 20. Juli 1944 angeschlossen hätte. Das geht aus seinen erhaltenen Tagebüchern mit aller nur wünschenswerten Deutlichkeit hervor. Es wirkt schon fast ein wenig befremdlich, wie sehr er noch in den letzten Kriegsmonaten auf den „Endsieg“ setzt, wie sehr er zittert und bangt um die wankenden Fronten in Ost und West. Verzweifelt äußert er sich am 15. Januar 1945 über die geballte Macht des alliierten Angriffs: „Werden wir deren furchtbaren Sturm bestehen und noch einmal das Unheil abwenden?“ Mit Schrecken verfolgt Spitta vor allem den Vormarsch der Roten Armee. „Wird es gelingen, die Oderlinie zu halten oder wiederherzustellen?“, lautet seine Frage gut zwei Wochen später. Nur widerstrebend findet er sich mit der endgültigen Niederlage ab. „Die militärische Lage wird immer trauriger“, klagt Spitta nach dem erfolgreichen Rheinübergang der Alliierten am 19. März 1945.

Doch es gibt noch eine andere Komponente als das „profane“ Kriegsgeschehen. Für Spitta war der Aufstieg totalitärer Bewegungen das Indiz für eine Zeitenwende. Die bürgerliche Welt, der er doch selbst angehörte, deren Lebensstil und Selbstverständnis er selbst pflegte und propagierte, hatte in seinen Augen ausgespielt. Und das nicht erst seit dem Untergang des Kaiserreichs oder der Machtübernahme Hitlers, sondern schon lange vorher. Festgehalten hat Spitta seine Gedanken unter dem Eindruck der Zerstörung seines Hauses im September 1942, unter dem Titel „Ende des Bürgertums“ sind sie später erschienen.

Kritik am „Hochkapitalismus“

Die Wurzel allen Übels war in den Augen des liberalen Grandseigneurs eine verhängnisvolle Allianz zwischen Kapitalismus und Bürgertum. Heftig kritisiert Spitta den „Hochkapitalismus“ als Totengräber bürgerlicher Wertvorstellungen. Eine erstaunliche, sehr aktuell und hellsichtig wirkende Analyse der Entwicklung im 19. Jahrhundert. Scharf zieht er gegen die Macht der Banken zu Felde, die „städtische Bodenspekulation“ verurteilt Spitta wegen der traurigen Folgen für die Wohnverhältnisse der arbeitenden Bevölkerung. Die soziale Frage lag ihm schon lange am Herzen, die nach seinen Maßstäben so attraktive „Volksgemeinschaft“ dürfte er als Alternative zur kommunistischen Idee der klassenlosen Gesellschaft begriffen haben.

Nach Ansicht Spittas hatte das Bürgertum keine Antwort gefunden auf die sozialen wie auch gesellschaftlichen Herausforderungen der Moderne und musste sich deshalb völlig zurecht von der politischen Bühne verabschieden. Seinen Platz habe in Deutschland die NS-Bewegung und in Russland der Bolschewismus eingenommen, „unter sich die größten Gegensätze und Feinde, aber mit dem gleichen Ziel der Vernichtung des Bürgertums und seiner Ideen“. Also eine welthistorische Wachablösung, der Untergang der bürgerlichen Welt als vorhersehbarer Entwicklungsschritt menschlichen Zusammenlebens.

Völlig nüchtern, ohne jegliche Sentimentalität, ohne kulturpessimistische Seitenhiebe nimmt Spitta dieses Phänomen zur Kenntnis. Als schleichenden Umsturz, der vollendet wird durch das verführerische Charisma des „Führers“. Weshalb Spitta keinerlei Bedenken hat, Hitler in einem Atemzug mit Alexander dem Großen, Cäsar, Karl dem Großen oder Napoleon zu nennen. Noch ein „großer Mann“, der Geschichte macht.

Sein einziger Trost am Abend des 1. Mai 1945: Vielleicht werde das „entmächtigte“ deutsche Volk wieder ein Volk der Dichter und Denker. Im Gespräch mit einem Freund fabulierte Spitta von einer inneren Erneuerung, die aus all dem Leid hervorgehen könne. Nicht auszuschließen, dass davon auch der gesamte Erdball profitiere, denn womöglich werde aus den Trümmern „ein Dichter und Seher oder ein religiöser Reformator erstehen, der der ganzen Menschheit Neues schenke“.

Doch dazu ist es bekanntlich nicht gekommen.

von Frank Hethey