Historismus zum Zweiten: Heft 14 aus der Schriftenreihe des Landesamts für Denkmalpflege.

Landesdenkmalpflege gibt zweiten Band zu Historismus und Gründerzeit heraus 

Den Schauplatz der Buchvorstellung hatte das Landesamt für Denkmalpflege mit Bedacht gewählt. Kaum ein Ambiente hätte das Zeitalter des Historismus besser veranschaulichen können als der opulent ausgestattete Kaisersaal im Posthaus an der Domsheide. Hoch oben thronen Büsten des Kaiser- und Kronprinzenpaares, die Wände sind geschmückt mit Wandbildern von Arthur Fitger, ein überwältigender Eindruck. Wenn man dann noch hört, dieser Saal sei Teil der Dienstwohnung des Oberpostdirektors gewesen, ist man leicht versucht, an geradezu verschwenderischen Luxus zu denken.

Doch ganz so einfach ist die Sache nicht. Zu meinen, der Oberpostdirektor habe den Kaisersaal quasi als Wohnzimmer genutzt, dürfte kaum zutreffend sein. „Der Oberpostdirektor war damals der höchste Repräsentant des Kaiserreichs in Bremen“, sagt Rolf Kirsch, Mitarbeiter des Landesamts. Der Saal habe mithin eine repräsentative Funktion gehabt, als Festsaal bei offiziellen Empfängen.

Der Kirsch-Aufsatz über das Posthaus sowie zwei weitere historistische Verwaltungsbauten findet sich im neuen Band der Schriftenreihe des Landesamts für Denkmalpflege, mittlerweile schon das 14. Heft. „Und zum ersten Mal eine Fortsetzung “, wie Kirsch betont. Tatsächlich nimmt das neue Heft den Faden des Vorgängerbandes wieder auf, abermals dreht sich alles um Historismus und Gründerzeit.

Auf spontaner Eingebung beruht die Zweiteilung nicht, vielmehr war dieser Ansatz von Anfang an so geplant. „Das Epochenthema Historismus ist für Bremen so bedeutend, dass es nicht in nur ein Heft zu zwängen war“, betont der oberste Denkmalpfleger Georg Skalecki. Bremen werde zwar oft als Renaissance-Stadt wahrgenommen. Doch der Historismus habe die Stadt weitaus stärker geprägt.

Pompöse Prachtentfaltung: der Kaisersaal im Posthaus.
Quelle: Landesamt für Denkmalpflege Bremen

Parallelen zwischen Nachkriegssanierungen und Historismus

Als Historismus gilt die Epoche von Mitte des 19. Jahrhunderts bis kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs, eine Zeitspanne von knapp 70 Jahren. Damals brach Bremen endgültig aus dem Korsett seiner mittelalterlichen Grenzen aus, immer schneller wuchs die Stadt in nahezu alle Richtungen. Das hatte gravierende Folgen für die bis dahin weitgehend unversehrt erhaltene Bausubstanz aus alten Zeiten.

Schon im ersten Historismus-Heft wies Skalecki auf erstaunliche Parallelen zwischen den „zerstörerischen Stadtsanierungen der 1960er Jahre“ und den Veränderungen des späten 19. Jahrhunderts hin. „Innerhalb von knapp 30 Jahren veränderte sich das Stadtbild Bremens stärker als in 600 Jahren zuvor.“

Am Anfang dieser Entwicklung stand die Neue Börse am Markt, ein Werk des damals schon arrivierten Architekten Heinrich Müller. Als „Platzhirsch“ bezeichnet Uwe Schwartz die nicht immer einfache Frohnatur in seinem biografischen Aufsatz. „Gegen den musste man sich erst einmal behaupten.“ Keine Frage, Müller verfügte über exzellente Kontakte – heute würde man sagen: Er war hervorragend vernetzt in Bremen.

Mit dem Bau des Kapff’schen Hauses am Kopf der Großen Weserbrücke hatte Müller schon 1850 ein sichtbares Zeichen an markanter Stelle gesetzt, durch den Umbau des alten Refektoriums des Domklosters ließ er 1857 dann erneut aufhorchen. Von der mittelalterlichen Fassade war danach nicht mehr viel zu erkennen, Müller räumte mit den Relikten der Vergangenheit rigoros auf. Nicht anders beim Umbau der Südfassade der Liebfrauenkirche, die völlig neu gestaltet wurde.

Umstrittener Monumentalbau: die Neue Börse von Heinrich Müller um1880, im Hintergrund der noch nicht sanierte Dom.
Quelle: Staatsarchiv Bremen

Kein sensibler Umgang mit alter Bausubstanz

Da kann es nicht sonderlich erstaunen, dass Müller auch beim Bau der Neuen Börse nicht gerade durch sensiblen Umgang mit mittelalterlichen Bauten glänzte. Die gab es genau dort, wo Müller sein Prestigeprojekt platzieren wollte – an der Ostseite des Markts in Gestalt uralter gotischer Giebelhäuser, darunter das Baleersche und das Pundsacksche Haus.

Schon damals regte sich indessen Widerstand, weshalb die Grundstücke laut Schwartz „mehr oder weniger heimlich“ erworben wurden. Und zwar für gewaltige Summen. Seine Finger im Spiel hatte dabei vermutlich der Direktor des Norddeutschen Lloyd, Hermann Henrich Meier, damals zugleich Präsident der Handelskammer als Bauherrin. Dass Müller bereits 1860 dessen Wohnhaus an der Contrescarpe gebaut hatte, spricht für sich – man kannte sich, man schätzte sich, man hatte gemeinsame Pläne.

Mehr rot als schwarz: Die meisten Müller-Bauten haben die Zeitläufte nicht überstanden.
Quelle: Planarchiv LfD (Stadtkarte)

Immerhin hält Schwartz dem Architekten zugute, dass er gar nicht erst versucht habe, mit dem Rathaus in Konkurrenz zu treten. Daher die neugotische Fassadengestaltung und keine, die sich an der Renaissance orientiert hätte.

Bleibt der Vorwurf, als monumentaler Prachtbau habe die Neue Börse benachbarte Zeugnisse der Vergangenheit wie Rathaus und Schütting geradezu erdrückt. So ganz von der Hand zu weisen ist das sicher nicht. Doch zugestehen muss man Müller, dass er sich dieser Problematik vollauf bewusst war. Durch eine starke Gliederung in einzelne Baukörper habe Müller die gewaltige Baumasse auflösen wollen, vermerkte später sein Kollege Wilhelm Sunkel.

Freilich sind kritische Einschätzungen historistischer Großbauprojekte keineswegs zu verwechseln mit einem Plädoyer gegen den Historismus an sich. Vielmehr muss der Denkmalpflege daran gelegen sein, herausragende Zeugnisse einzelner Epochen für die Nachwelt zu bewahren.

Und dieses Credo gilt natürlich auch für den Historismus. Deshalb ist es kein Widerspruch, wenn Skalecki einerseits die Neue Börse als „Sündenfall“ bezeichnet, andererseits aber den Abriss der kriegsbeschädigten Ruine in den Nachkriegsjahren bedauert. „Natürlich hätte man die Börse wiederaufbauen können“, sagt er. Ebenso wie das Lloydgebäude, das ohne zwingende Not „leichtfertig abgerissen“ worden sei.

Historismus ohne Lobby

Zu tun hat das mit dem schweren Stand des Historismus nach dem Zweiten Weltkrieg. „Der Historismus hatte keine Lobby“, so Skalecki, „man betrachtete ihn als Irrweg der Architekturgeschichte“. Tatsächlich stand der monumentale Historismus bereits um 1900 in der Kritik, schon damals versuchte die Heimatschutzbewegung, die regionale Komponente wieder stärker zur Geltung zu bringen.

Aus zwei mach null: die beiden Giebeltürme des Polizeihauses, heute nur noch in gekappter Form erhalten.
Quelle: Die Architektur des XX. Jahrhunderts, 9. Jg. (1909), Tafel 4

Nur aus dieser geringschätzigen Haltung ist zu erklären, weshalb die beiden Türme des Polizeihauses nach dem Krieg ohne viel Federlesen gestutzt wurden. In Mitleidenschaft gezogen war nur der linke Turm. Doch statt ihn wiederaufzubauen, wurde auch der rechte Turm kurzerhand auf Maß gebracht. Mit einem „Überdruss an historistischer Überdekoration“ erklärt Kirsch dieses Vorgehen.

Es ist schon sehr bezeichnend, wie wenige von den Müller-Bauten die Zeitläufte überstanden haben. Waren sie einstmals praktisch an jeder Ecke zu finden, kann man die kümmerlichen Reste heute an einer Hand abzählen. Ein entsprechend markierter Stadtplan zeigt das sehr eindrucksvoll auf.

Skalecki verteidigt alten Gesetzesentwurf

Auch mit wissenschaftlicher Kritik hält sich das neue Heft nicht zurück. Vehement verteidigt Skalecki das gescheiterte Denkmalschutzgesetz von 1931 gegen den Vorwurf von Landesarchäologin Uta Halle, es lasse nationalsozialistische Tendenzen erkennen. In seinen Augen war der Gesetzesentwurf „hochmodern“. Statt ihn zu unterstützen, habe sich der Senat aus wirtschaftlichen Gründen damit begnügt, nur einen amtlichen Denkmalpfleger einzusetzen.

Wie schon die Vorgängerhefte ist auch die neue Version reich bebildert. Damit wolle man ein „breit gestaffeltes Publikum“ erreichen, sagt Kirsch. Daran orientiert sich auch der populäre Duktus der gründlich recherchierten Beiträge. Kirsch: „Wir schreiben für alle, nicht nur für Fachleute.“ Ein Ansinnen, das offenbar ankommt. Laut Skalecki erfreuen sich die Hefte „zunehmender Beliebtheit“, sie hätten inzwischen den Status einer Bremensie erreicht. Von der Auflage des ersten Historismus-Hefts seien schon drei Viertel verkauft.

Da kann man sich schon jetzt wieder auf den nächsten Band freuen. Der allerdings wird definitiv nichts mit dem Historismus zu tun haben. Stattdessen wollen die Denkmalpfleger in Heft 15 die Renaissance beleuchten. Geplant ist auch eine neue Rubrik, die Einblick geben soll in die Arbeit der Denkmalpflege.

von Frank Hethey

Georg Skalecki (Hg.): Denkmalpflege in Bremen, Heft 14, Historismus und Gründerzeit II, Edition Temmen: Bremen 2017, 124 S., ISBN 978-3-8378-1050-9, Preis: 5,90 Euro

Müller in Sicht: rechts der Saalbau des Künstlervereins (heute Glocke) und im Hintergrund das Börsennebengebäude, beides Werke des historistischen Architekten Heinrich Müller.
Quelle: Staatsarchiv Bremen