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Eindringliche Ermahnung: bis vor einigen Jahren angebrachtes Schild an den Paternostern der Baumwollbörse.
Foto: Peter Strotmann

Nach wie vor in Betrieb: In Bremen tun noch immer Paternoster ihren Dienst

Im letzten Monat war ich mal wieder zum Mittagessen in der Kantine des Finanzamtes. Anschließend erkundete ich die Situation der dort installierten Paternoster. Paternoster, ja das sind diese Uralt-Umlaufaufzüge, die den ganzen Tag stetig auf- und ab fahren. Und es gibt sie noch in Bremen, wie erwähnt im Finanzamt, in der Baumwollbörse, in der swb-Zentrale (nur für Mitarbeiter)…

Den ersten Paternoster habe ich in den 1950ern gesehen. Da war ich mit meinem Vater im Verwaltungsgebäude der AG Weser an der Werftstraße. Interessiert habe ich beobachtet, wie die Menschen in die Kabinen einstiegen, andere hoch- oder herunterfahrend an einem vorbeifuhren und wieder ausstiegen. Ich bekam doch ein bisschen Angst, als mein Vater sagte: „Jetzt fahren wir.“

Fest umklammerte ich seine Hand, bis wir es schafften, in unsere Kabine hineinzukommen, die Hände zu lösen und unsere Körper zu drehen. Nun schienen wir in dem Ungetüm gefangen zu sein. Im letzten Stockwerk angekommen, machte mein Vater den wohl üblichen Scherz: „Halt dich ordentlich fest, denn gleich stehen wir auf dem Kopf.“ Mit ein wenig Angst sah ich das große, fettverschmierte Zahnrad mit der Kette an uns vorbei drehen. Und danach standen wir immer noch auf unseren Füßen. Die Fahrt ging weiter abwärts und mit einem kühnen Sprung aus der Kabine standen wir wieder auf dem Fußboden im Erdgeschoss.

Es wird immer noch gebaggert

Kordeln als Schutz vor überhastetem Einsteigen: Paternoster in der Baumwollbörse.
Foto: Peter Strotmann

Es sollte 30 Jahre dauern, bis ich wieder Paternoster fahren konnte. Und zwar in der Baumwollbörse. Dort rumpelt einer dieser „Beamten-“ oder „Proletenbagger“, wie sie auch genannt werden, morgens von 7 Uhr 30 bis 17 Uhr 30 abends auf und nieder. Und das seitdem der Bau 1902 fertiggestellt wurde. Obwohl er zügig fuhr, dauerte es mindestens doppelt so lange in die obere Etage zu kommen als mit dem Fahrstuhl. In dem Paternoster zu stehen gab mir ein Gefühl von Unabhängigkeit, anstatt ölsardinendoseneng in einer Fahrstuhlkabine eingequetscht zu sein.

Aus Zeichnungen und Skizzen hatte ich bisher die Funktionsweise eines Paternosters nicht so recht begriffen. Das einfache, aber geniale Prinzip zeigt eine Animation auf Wikipedia sehr anschaulich. Der im Volksmund gebräuchliche Name Paternoster kommt aus dem lateinischen und bedeutet „Vater Unser“. Das sind die ersten beiden Worte des meist verbreiteten Gebets des Christentums: das Vaterunser. Weiterhin hängt der Name Paternoster mit dem katholischen Rosenkranz zusammen, einer Zählkette für Gebete: zehn kleinere Perlen für je ein Ave Maria und eine große Perle für ein Vaterunser. Und die Kabinen des Umlaufaufzuges sind wie auf einer Perlenschnur aufgefädelt.

Beschränkter Zugang: Verbotsschild am Paternoster im Finanzamt.
Foto: Peter Strotmann

Ein Paternoster ist nicht ganz ungefährlich, sagte der Hausmeister

An den Hausmeister in der Baumwollbörse hatte ich immer ein paar Fragen, wenn der Paternoster mal wieder still stand. Doch der stöhnte nur und erzählte: „Diesmal ist ein Maler mit einer langen Holzleiter eingestiegen. Die Leiter hat sich verkeilt und bis die Anlage automatisch abschaltete, wurde die Paternoster-Mechanik beschädigt. Ersatzteile und Zeichnungen gibt es nicht mehr. Alles muss nach Aufmaß der beschädigten Teile angefertigt werden.“ Damals blieb die Anlage wohl ein halbes Jahr außer Betrieb. Dann wurden die Einstiege, wie auch sonst abends üblich, mit dicken roten Kordeln verhängt.

Später berichtete er mir: „ Mit diesen alten Aufzügen haben wir viele Probleme. Schon seit 1974 dürfen keine neuen Paternoster mehr eingebaut werden und bis 2004 hätten eigentlich alle bestehenden stillgelegt sein müssen. Doch auf eine Bundesrats-Initiative von 1994 dürfen die jetzt unbegrenzt weiter betrieben werden, müssen aber nach dem Stand der Technik umgebaut werden.“ Das dauerte abermals Monate.

Läuft, weil geschmiert: das große, fettverschmierte Zahnrad mit der Kette
eines Paternosters im Finanzamt.
Foto: Peter Strotmann

„Soweit ich es weiß, gab es hier im Haus keinen tödlichen Unfall. Aber es soll bis 2002 einen pro Jahr in Deutschland mit seinen damals etwa 200 Paternostern gegeben haben. Ganz ungefährlich ist das nicht“, sagte mir der Hausmeister. Dann kam es ganz dicke: Nach einer Paternoster-Verordnung hätten nur noch im Haus Beschäftigte – nach einer Einweisung – mit einem Paternoster fahren dürfen. Doch diese Verordnung wurde vom Bundesrat im Sommer 2015 gekippt. Aber es mussten Hinweisschilder angebracht werden, die auf die Gefahren aufmerksam machen und Verhaltenshinweise geben. Jetzt dürfen auch Besucher wieder mit einem Paternoster fahren.

Warnschild mit Entwarnung: Paternoster-Schild im Finanzmat.
Foto: Peter Strotmann

Die Paternoster im Haus des Reichs Finanzamt

Bei meinem Besuch im Finanzamt vor einigen Monaten zeigte mir die Kuratorin Gundula Rentrop, dass zwei Anlagen noch in Betrieb sind, die dritte sei stillgelegt. Da viele Besucher fasziniert von den Paternostern sind und nur deshalb herkommen, fahren die Paternoster hier nur halb so schnell wie in der Baumwollbörse. Damit können auch junge Besucher diese Art Aufzug (fast)gefahrlos benutzen.

Scherzbolde am Werk: das gleiche Schild an anderer Stelle und mit anderer Botschaft.
Foto: Peter Strotmann

Bei einer Rundfahrt machte sie mich dann auf folgendes Schild aufmerksam: „Letztes Stockwerk! Weiterfahrt ungefährlich!“, hieß es auf dem Original. In einem anderen Paternoster waren jedoch Scherzbolde am Werk gewesen und haben das „un“ weggekratzt.

Zum Schluss erzählte Frau Rentrop mir noch eine schaurige Geschichte von einem tragischem Unfall in einem Prager Paternoster: Eine 90 Jahre alte Frau hatte den Einstieg in eine Paternoster-Kabine verpasst und blieb mit ihrem Fuß zwischen zwei Kabinen stecken. Sie wurde von dem sich weiter laufenden Paternoster hochgezogen und hing schließlich kopfüber von der Decke herab.

von Peter Strotmann

Keine Fahrstuhltür vor Augen: Blick aus dem Paternoster im Finanzamt ins Treppenhaus des ersten Stocks.
Foto: Peter Strotmann