Eine fünfschiffige Basilika: Blick vom östlichen Seitenschiff in den Hauptsaal.
Quelle: Bremen und seine Bauten, 1900

Ein Blick in die Geschichte (171): der große Börsensaal der Neuen Börse

Nur noch geschichtskundige Bremer haben die Neue Börse vor Augen. Das gewaltige, im November 1864 seiner Bestimmung übergebene Bauwerk nahm einst die gesamte Ostseite des Marktplatzes ein. Als Nachfolgebau der Alten Börse am Liebfrauenkirchhof sollte der neugotische Monumentalbau nach Plänen des Architekten Heinrich Müller ein Zeichen setzen. Im Zweiten Weltkrieg schwer beschädigt, wurde die Ruine in den späten 1950er Jahren abgerissen. Erhalten hat sich nur das halbrunde Börsennebengebäude an der Domsheide, das heute die Verwaltung der Bürgerschaft beherbergt.

Doch wie sah die Neue Börse eigentlich von innen aus?

Wer vom Marktplatz aus das Gebäude betrat und sich ein wenig nach links bewegte, konnte sich auf einen imposanten Anblick gefasst machen: Plötzlich stand man im parallel zum Marktplatz verlaufenen großen Börsensaal, einen Versammlungsraum für bis zu 2800 Personen. Entsprechend beeindruckend war die Grundfläche mit 1276 Quadratmetern. Nicht nur Kaufleute fanden sich in dem Saal ein, auch für gesellschaftliche Großereignisse wurde die Örtlichkeit gern genutzt.

Der Form nach handelte es sich um eine fünfschiffige Basilika mit einem von Norden nach Süden gerichteten Mittelschiff, das durch eine bogenförmige Balkendecke überwölbt wurde. Zur Marktseite betrug die Länge des Saals 33,5 Meter, in Ost-West-Richtung sogar 37 Meter – wobei allerdings ein beachtlicher Teil von den vier Seitenschiffen „geschluckt“ wurde. Auf der Domseite im Norden schloss sich das Haupttreppenhaus an. Und im Süden ein Flügel, der im Obergeschoss den kleineren Saal der Bürgerschaft beherbergte.

Ein beliebtes Postkartenmotiv: die Neue Börse um 1890.
Quelle: Bestand Brandes

Auch wenn der Börsensaal durchaus repräsentativ wirkte, beschrieb Wilhelm Sunkel die dekorative Ausschmückung in „Bremen und seine Bauten“ als „eine sehr einfache“. Hellgrün waren Säulen, Pfeiler, Wände und Gewölbe, ansonsten sei mit „sparsamer Vergoldung“ gearbeitet worden.

Aufgehoben wurde der bescheidene Eindruck indessen durch die Kolossalstatue der Brema vor dem Haupttreppenhaus, ein Werk des damals sehr gefragten Bildhauers Diedrich Samuel Kropp, der auch die Steinfiguren über dem Eingang angefertigt hatte. Im Treppenhaus selbst verewigte sich mit einer Reihe von Bildern der Mann, der in Bremen wie kaum ein anderer bürgerliche Repräsentationsbedürfnisse mit seiner Malkunst bediente: Arthur Fitger.

Enorme Ausmaße: Grundriss der Neuen Börse.
Quelle: Bremen und seine Bauten, 1900

Genau gegenüber befand sich passend dazu ein monumentales Wandgemälde, das an die nicht unerhebliche Rolle der Hanse bei der mittelalterlichen Ostkolonisation erinnern sollte. Die war erst seit dem späten 19. Jahrhundert ein gern verklärtes Thema, nach der Reichsgründung von 1871 trug die jahrhundertelange Expansion über die Elbe hinaus kräftig zur gesamtdeutschen Identitätsbildung bei. Nicht zufällig erlebte die Historienmalerei damals einen enormen Aufschwung, in zahlreichen öffentlichen Gebäuden finden sich solche Gemälde. Der Titel des Börsen-Bildes lautete: „Die Kolonisation der Ostseeprovinzen durch die Hansa 1201.“ Erstellt hat es 1872 der damals erst 28-jährige Historienmaler Peter Janssen d. Ä. im Auftrag des Reeders Christian Heinrich Wätjen.

Geblieben ist nichts von alledem. Beim Luftangriff vom 20. Dezember 1943 versank die Neue Börse in Schutt und Asche. Wirklich betrübt war man darüber in Bremen nicht, die historistischen Monumentalbauten galten als lästige Erbmasse der wilhelminischen Epoche. Schon die NS-Städteplaner hätten sich des Bauwerks gern entledigt, der Bombenkrieg nahm ihnen diese Aufgabe ab.

Auch nach dem Zweiten Weltkrieg weinte niemand der Neuen Börse eine Träne nach. Als die Ruine abgetragen wurde, war nicht eine einzige Stimme zu vernehmen, die sich für den Wiederaufbau eingesetzt hätte – anders als beim Schütting, der sich in einem ähnlich beklagenswerten Zustand befand.

von Frank Hethey   

Viel Platz: Der große Börsensaal konnte bis zu 2800 Menschen fassen.
Quelle: Staatsarchiv Bremen