Schädel des Rebellenführers Mkwawa gelangte 1898 als Trophäe nach Deutschland – und fand sich 1953 mit Hilfe des Übersee-Museums wieder

Der Schädel des ostafrikanischen Chiefs Mkwawa sorgte nach Ende des Ersten Weltkrieges für internationales Aufsehen. Im Versailler Vertrag verpflichtete sich die Reichsregierung, den Kopf des Rebellenführers, der im Kampf gegen die deutschen Kolonialherren den Tod gefunden hatte, an seine Stammesangehörigen zurückzugeben. Eine verwickelte Geschichte, die erst 1953 unter Beteiligung des Bremer Übersee-Museums ein Ende fand. Und bis heute nicht wirklich geklärt ist. 

Ein Portrait des Chiefs Mkwawa, gemalt von Frau B. Kingdon, Frau eines örtlichen Gouverneurs. Das Gemälde hängt im Mausoleum, umbenannt in Mkwawa Memorial Museum, von Iringa in Tansania. Quelle: Staatsarchiv Bremen

Ein Portrait des Chiefs Mkwawa, gemalt von Frau B. Kingdon, Frau eines örtlichen Gouverneurs. Das Gemälde hängt im Mausoleum, umbenannt in Mkwawa Memorial Museum, von Iringa in Tansania.
Quelle: Staatsarchiv Bremen


Vor gut einer Woche sorgte ein etwas makabrer Fall für Schlagzeilen. Es ging um menschliche Gebeine, die der Gründungsdirektor des Übersee-Museums, Hugo Schauinsland, als moderner Grabräuber einst aus Neuseeland mitgehen ließ. Und die jetzt auf Wunsch des Te Papa Museums in Wellington wieder zurückerstattet werden sollen.

Ein Novum? Keineswegs. Einen ganz ähnlichen Fall gab es in der Geschichte des Übersee-Museums schon einmal. Freilich war die Sache damals noch weitaus pikanter als heute, man kann durchaus von einem internationalen Politikum sprechen. Dessen Anfänge reichen zurück bis ins Jahr 1891, als sich in Ostafrika der Stamm der Hehe gegen die deutschen Kolonialherren erhob. Unter Führung ihres charismatischen Chiefs Mkwawa lieferten sich die Hehe einen jahrelangen Guerillakrieg mit den Deutschen, der erst endete, als Mkwawa 1898 in aussichtsloser Lage den Freitod suchte.

Sein Schädel gelangte als Trophäe nach Deutschland und wurde nach Ende des Ersten Weltkriegs sogar Gegenstand des Versailler Vertrags. Dumm nur, dass die versprochene Rückgabe des Totenkopfs fehlschlug. Weshalb der Fall nach dem Zweiten Weltkrieg noch einmal auf die Tagesordnung kam, diesmal unter Beteiligung des Bremer Übersee-Museums.

Doch der Reihe nach.

Uniformierung der Schutztruppe für Deutsch-Ostafrika: Die kolorierte Zeichnung zeigt die verschiedenen, schmucken und phantasievollen Uniformen der weißen Schutztruppler. Im Vordergrund ist ein gefesselter afrikanischer Gefangener abgebildet, im Hintergrund stehen die einheimischen Askaris zum Kampf bereit. Quelle: Brockhaus Konversations-Lexikon, 14. Auflage, 1894-1896

Uniformierung der Schutztruppe für Deutsch-Ostafrika: Die kolorierte Zeichnung zeigt die verschiedenen, schmucken und phantasievollen Uniformen der weißen Schutztruppler. Im Vordergrund ist ein gefesselter afrikanischer Gefangener abgebildet, im Hintergrund stehen die einheimischen Askaris zum Kampf bereit.
Quelle: Brockhaus Konversations-Lexikon, 14. Auflage, 1894-1896

Auf Chief Mkwawa ist ein Kopfgeld ausgesetzt

Beginnen wir im Jahr 1885. Damals wurde ein weitläufiges Gebiet im östlichen Afrika zum Schutzgebiet Deutsch-Ostafrika und damit zu einer Kolonie des deutschen Kaiserreichs erklärt. Das Gebiet, in der 170 Ethnien lebten, umfasste die heutigen Länder Tansania (ohne Sansibar), Burundi und Ruanda sowie einen kleinen Teil Mosambiks. Die Kolonie Deutsch-Ostafrika bestand bis 1918.

Das Objekt der Begierde: der Schädel von Chief Mkwawa im Mausoleum von Kalenga. Quelle: Wikipedia

Das Objekt der Begierde: der Schädel von Chief Mkwawa im Mausoleum von Kalenga.
Quelle: Wikipedia

Die treibende Kraft bei der Koloniegründung war der Pastorensohn Carl Peters (1856 bis 1918). Unter dem Vorwand, das Gebiet zu befrieden, zerstörten seine Schutztruppen zahlreiche Städte und Ortschaften. Tausende Menschen wurden getötet. 1891 erhob sich im Südwesten Tanganykas der Stamm der Hehe. Mit ihrem Chief Mkwawa (mit vollem Namen Mkwavinyika Munyigumba Mwamuyinga, 1855 bis 1898) an der Spitze waren sie mit 2000 Mann bei Lugalo (damals Rugaro) siegreich gegen eine 1000 Mann starke Truppe der Deutschen.

Die Hehes konnten ihr Gebiet Uhehe halten, bis 1894 ein zweites deutsches Heer deren Stützpunkt Kalenga einnahm. Fortan führte Mkwawa mit seinen Getreuen den Kampf aus dem Untergrund weiter und wurde zum meistgesuchten Feind. Die Deutschen setzen eine Prämie für seinen Kopf aus.

Die Hehes begruben ihren Chief ohne Schädel

Gedenkstein in Tansania, der an die Schlacht von Lugalo 1891 erinnert. Quelle: Wikicommons

Gedenkstein in Tansania, der an die Schlacht von Lugalo 1891 erinnert.
Quelle: Wikicommons

Mit den Jahren verlor Mkwawa seine Anhänger, er wurde krank und sein Versteck wurde verraten.  Als eine deutsche Patrouille ihn sechs Tage eingekesselt hatte, tötete er erst seinen Gefährten, dann sich selbst am 19. Juli 1898. Ein deutscher Oberfeldwebel befahl, Mkwawas Kopf abzuschneiden und brachte den Kopf, in einem Kochtopf verstaut, in die deutsche Station Iringa.

Von dort aus soll der Schädel als Trophäe nach Deutschland gelangt sein. Die Hehes begruben ihren Chief ohne Schädel. Aber es heißt bei den Hehes, dass er nach dem Tode keine Ruhe finden könne, solange sein Schädel nicht begraben sei.

Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges legten die Siegermächte im Versailler Friedensvertrag dem ehemaligen Kaiserreich Deutschland hohe Lasten auf. Unter anderem teilte der Vertrag Deutsch-Ostafrika unter Belgien und Großbritannien auf. Die Hehes erreichten bei den Briten als neue Kolonialmacht, dass im Versailler Vertrag im zweiten Absatz von Artikel 346 zu lesen ist:

„Innerhalb von sechs Monaten nach Inkrafttreten des gegenwärtigen Vertrages …. ist der Schädel des Sultans Mkwawa, der aus dem deutschen Schutzgebiet entfernt und nach Deutschland gebracht wurde, von

Deutschland der britischen Regierung zu übergeben.“

Aber niemand wusste, wo der Schädel abgeblieben war. Insbesondere alle völkerkundlichen Sammlungen deutscher Museen mussten passen.

Doch das britische Außenministerium drängte auf Erfüllung des Vertrages. Um aus der Sache herauszukommen, sandte das Auswärtige Amt den Briten drei Totenköpfe zur Auswahl. Die bestimmten per Los den „echten“ Schädel Mkwawas. Leider kam der ausgeloste Schädel Nummer 2 nicht bei den Hehes an.

Übergabe des Schädel des Chiefs Mkwawa von Gouverneur Sir Edward Twining an Mkwawas Enkel Chief Adam Sapi. Quelle: Staatsarchiv Bremen

Übergabe des Schädel des Chiefs Mkwawa von Gouverneur Sir Edward Twining an Mkwawas Enkel Chief Adam Sapi.
Quelle: Staatsarchiv Bremen

Die Hehes lassen auch nach dem Zweiten Weltkrieg nicht locker

Über die Briten drängten die Hehes nach dem Zweiten Weltkrieg weiter um Herausgabe des Schädels. Da machte sich 1953 der seinerzeit amtierende Gouverneur von Tansania, Sir Edward Twining, höchstpersönlich auf die Suche.

Er suchte die einschlägigen deutschen Museen auf und wurde schließlich im Bremer Übersee-Museum fündig. Dort wurden ihm zwei Schädel gezeigt, die zu den geschilderten Todesumständen zu passen schienen. Die Beurteilung vom Bremer Pathologischen Institut und Fotos von den beiden Schädeln brachte er dem amtierendem Chief Adam Sapi (gest. 1999), Enkel von Mkwawa. Der entschied, dass der Schädel mit einer Schussverletzung durch eine Kugel von 21,5 mm der richtige sei.

Die Briten ließen ein Mausoleum in Kalenga errichten. Im Beisein von 30.000 jubelnden Stammesangehörigen überbrachte Sir Edward Twining am 19. Juni 1954 den lang gesuchten Schädel Mkwawas Enkel, Adam Sapi, dem damaligen Chief des Hehe-Stammes. In einer kleinen Fotodokumentation wurde diese, für die Hehes bewegende Zeremonie, dargestellt.

Auch heute noch gedenkt man in Tansania des Chiefs Mkwawa

In Ostafrika ist die Geschichte des Widerstandes der Hehe und die ihres Nationalhelden Chief Mkwawa gegen die deutschen Eroberer noch immer lebendig. In Iringa führt die „Mkwawa Road“ zur größten Oberschule Tansanias, der „Mkwawa High School“. Der Schädel des Chiefs Mkwawa steht weiterhin im Mausoleum, das heute Mkwawa Memorial Museum heißt.

Zurück in der Heimat: Häuptling Adam Sapi mit dem vermeintlichen Schädel seines Vorfahren. Quelle: Staatsarchiv Bremen

Zurück in der Heimat: Häuptling Adam Sapi mit dem vermeintlichen Schädel seines Vorfahren.
Quelle: Staatsarchiv Bremen

Es bleiben aber noch Fragen um Mkwawas Schädel.

Steht im Mkwawa Memorial Museum von Kalenga tatsächlich der Schädel des Chiefs Mkwawa? Daran muss gezweifelt werden. Es ist nämlich nicht belegt, wer und wann den Schädel nach Deutschland mitgenommen hat. Es ist sogar unsicher, ob der vom deutschen Oberfeldwebel 1898 mitgeführte Schädel wirklich der richtige war. Vielleicht war er auch nur darauf aus, die ausgelobte Kopfprämie zu erhalten: 5000 Rupee, das sollen 1954 umgerechnet 2000 Dollar gewesen sein. Deshalb war es möglicherweise der Schädel irgendeines Hehes. Er ging damit kein Risiko ein, denn kein Deutscher hatte Mkwawa jemals lebend gesehen.

Auch das „glückliche“ Auffinden eines passenden Schädels im Bremer Übersee-Museum wirft einige Fragen auf. Nach den Berichten im Weser-Kurier der Jahre 1953 und 1954 wurde der Schädel mit Hilfe des Übersee-Museums in einer Bremer Privatsammlung entdeckt. Das Übersee-Museum selbst soll nach Aktenlage niemals Schädel aus Ostafrika im Bestand gehabt haben.

Die Stammenangehörigen strömen zum Mausoleum, um dem Schädel des Häuptlings Mkwawa die letzte Ehre zu beweisen. Quelle: Staatsarchiv Bremen

Die Stammenangehörigen strömen zum Mausoleum, um dem Schädel des Häuptlings Mkwawa die letzte Ehre zu beweisen.
Quelle: Staatsarchiv Bremen

Bereits 1954 hat das Auswärtige Amt von einer kleinen Schwarzwälder Zeitung eine Zuschrift erhalten, in der behauptet wird, dass sich der richtige Schädel in Privatbesitz in Calw befinde. Der Spur wurde nicht weiter nachgegangen.

Eine Klärung, ob der von vielen Bewohnern Tansanias verehrte Schädel des Chiefs Mkwawa im Mausoleum von Kalenga ist, könnte nur ein Gentest liefern. Den haben die Nachfahren bisher nicht machen lassen. Adam Sapi, der Enkel Mkwawas, erklärte 1996, „dass die Echtheit des Schädels nicht mehr zur Diskussion stehen sollte.“

Erläuterung:

Der Versailler Vertrag nennt das Wort „Sultan“ als Titel für Mkwawa.

Wikipedia schreibt, „Sultan“ sei ein Titel, der früher auch für Dorfhäuptlinge in Ostafrika gebraucht wurde. Da die Hehe dem Islam angehören, könnte das die richtige Bezeichnung sein.

In der Legende zu den 1954 von den Briten gemachten Aufnahmen wird Mkwawa als „Chief“ betitelt. Vermutlich wurde „Chief“ von den Hehes übernommen. Ins Deutsche übersetzt kann das bedeuten: Chef, Häuptling, Oberhaupt, Anführer oder eben auch Chief. In diesem Bericht ist durchgängig Chief gewählt, außer bei Zitaten.

von Peter Strotmann

Die Spur führt nach Ostafrika: Karte der Kolonie Deutsch-Ostafrika von 1894. Mit einem roten Pfeil ist das Gebiet Uhehe markiert, das Siedlungsgebiet des Volksstammes der Hehe, wo sich Chief Mkwawa einen erbitterten Kampf mit den Kolonialherren lieferte. Quelle: Wikicommons

Die Spur führt nach Ostafrika: Karte der Kolonie Deutsch-Ostafrika von 1894. Mit einem roten Pfeil ist das Gebiet Uhehe markiert, das Siedlungsgebiet des Volksstammes der Hehe, wo sich Chief Mkwawa einen erbitterten Kampf mit den Kolonialherren lieferte.
Quelle: Wikicommons