Die Querdenker: Nils Huschke (li.) und Axel Spellenberg.
Foto: Frank Hethey

„Historisches Stadtbild Bremen“ fordert bei Umbau der Altstadt Rücksicht auf geschichtliches Erbe

Fünf Entwürfe brauchten die Männer vom „Historischen Stadtbild Bremen“, bis sie sich auf einen Plan für die mittlere Altstadt verständigen konnten. Gesetzt war jedes Mal die Ansgarii-Kirche, deren Wiederaufbau sich der Historiker Nils Huschke und seine Mitstreiter auf die Fahnen geschrieben haben. Doch daneben gab es noch allerlei zu diskutieren und zu erwägen. Von einem neuen Lloydgebäude anstelle von Galeria Kaufhof gab es verschiedene Varianten, erst mit, dann ohne Turm.

Viel internen Diskussionsstoff lieferte auch die Gestaltung des Blocks, der bis jetzt vom Parkhaus am Brill eingenommen wird. Architekt Axel Spellenberg schlug zunächst einen diagonalen Durchbruch bis zur Bürgermeister Smidt-Straße vor, rückte dann aber wieder davon ab. „Sonst hätte die Jugendstilfassade des früheren Schuhhauses Wachendorf entfernt werden müssen“, erklärt Huschke. „Damit hätten wir uns unglaubwürdig gemacht.“

Schon seit Jahren predigen Huschke und seine Mitstreiter den Wiederaufbau der Ansgarii-Kirche. Freilich eher im kleineren Kreis, zehn Männer zählt Huschke zum harten Kern der Kämpfer für eine Zukunft mit Vergangenheit. Den Status organisierter Öffentlichkeitsarbeit haben die unermüdlichen Querdenker noch nicht erreicht. Ein Langzeitprojekt, wie Huschke selbst gern betont. Doch nun läuft den Ansgarii-Freunden die Zeit davon. „Durch den Verkauf des Bremer Carrees liegt jetzt eine gewisse Dringlichkeit vor“, sagt der 46-Jährige.

Und ebenso durch die Ambitionen des Bremer Bauunternehmers Kurt Zech, in der Innenstadt kräftig aufzuräumen. Seinem Vorschlag, das Parkhaus Mitte abzureißen und neue Rundläufe zu schaffen, können die Stadtbild-Aktivisten durchaus etwas abgewinnen. Doch bevor Nägel mit Köpfen gemacht würden, müsse ein Gespür für das Erbe der Vergangenheit vermittelt werden. Für gewachsene, organische Zusammenhänge. Denn: „Wenn ein Investor die Geschichte nicht kennt, geht er darüber hinweg“, sagt Spellenberg.

Alt in Neu: die Wachendorf-Fassade als integraler Bestandteil eines Neubaus.
Bildvorlage: Axel Spellenberg

Mehr „Demut vor dem historischen Erbe“

Mehr „Demut vor dem historischen Erbe“ fordert Huschke nicht nur in Sachen Ansgarii-Kirche ein. Deren Rekonstruktion begreift er als das Optimum, als „Sahnehäubchen“ einer gelungenen Neugestaltung der mittleren Altstadt. Das erklärte Ziel lautet, das Areal mit seiner eigenen Vergangenheit zu versöhnen. „Das Ansgari-Quartier ist ja quasi eine Jungstadt, keine Altstadt“, so Huschke. Ein Hinweis auf den Verlust des historischen Erscheinungsbildes. Der Bombenkrieg hinterließ seine Spuren, nicht nur die Ansgarii-Kirche musste dran glauben. Den Rest besorgte die wenig sensible Städteplanung nach 1945.

Doch nun sehen die Ansgarii-Freunde eine historische Chance, die Bausünden der Nachkriegsjahre zu korrigieren. Auf Reset zu drücken und noch einmal von vorn anzufangen. Über den Wiederaufbau kann Spellenberg ohnehin nur den Kopf schütteln, in seinen Augen handelt es sich um eine grandiose Fehlleistung, ein Provisorium ohne bleibenden Wert. „Der eigentliche Wiederaufbau steht erst noch bevor“, sagt der 72-Jährige.

Derweil verweist Huschke auf ähnliche Bestrebungen in anderen Großstädten. Ob in Berlin, Dresden oder Braunschweig, die Rekonstruktion historischer, stadtbildprägender Bauwerke sei in zahlreichen Orten in vollem Gange. „Nur in Bremen nicht“, bedauert Huschke. Daher dürfe es bei der Neugestaltung à la Zech keine „unnötige Hast“ geben. „Bremen soll eine Chance haben, den Ansgarikirchhof als zweite Herzkammer der Altstadt wiederzugewinnen.“

Seinen Entwurf will Spellenberg keineswegs als bloße Traumtänzerei verstanden wissen, darum spielt für ihn auch das Parkplatzproblem eine entscheidende Rolle. Ihm schweben Tiefgaragen am Standort der bisherigen Parkhäuser am Brill und Mitte vor. Tiefbau sei zwar teuer. „Dafür wird aber Oberfläche frei und damit Raum für größere Vielfalt.“

Gedankenspiele: der zweite Entwurf zur Neugestaltung der mittleren Altstadt.
Bildvorlage: Axel Spellenberg

Eine begehbare Hofstruktur

Ein weiterer Grundgedanke: den Lloydhof in eine begehbare Hofstruktur einzubinden – von einem St. Ansgarii-Hof als Ersatz für das bisherige Parkhaus am Brill über den Lloydhof und den Hanseatenhof bis zum neuen Pelzerhof am Standort von Galeria Kaufhof. „Durch die Höfe wird das Ganze passagenartig, ganz ähnlich wie bei Zech“, sagt Spellenberg. Dass das Galeria Kaufhof-Gebäude fallen muss, versteht sich für ihn von selbst. Anstelle von Kaufhof fordert er „ein kaufhofartiges Gebäude“. Eine Art Lloydgebäude light mit eng gruppierten Backsteingiebeln, ein Bauwerk in Anlehnung an das Londoner Kaufhaus Harrods mit kleinteiligen Geschäftsstrukturen.

Alles nur ein Produkt überhitzter Fantasie? Davon wollen Huschke und Spellenberg nichts wissen. Sie wehren sich dagegen, als Phantasten abgestempelt zu werden. „Man kann ja nicht alles abreißen“, sagt Spellenberg. Wenn von Rekonstruktion die Rede sei, dann nur von einer Rekonstruktion in Teilen. Dabei soll ihr Verein – früher „Herolde von Bremen“, jetzt gerade in der Phase der Umwidmung zu „Historisches Stadtbild Bremen“ – eine Lobbyfunktion übernehmen. Also Denkanstöße vermitteln, Alternativen aufzeigen, die sich an historischen Strukturen orientieren. Die Pelzerstraße würde wieder in voller Länge entstehen, die Große und Kleine Hundestraße aus ihrem Dornröschenschlaf geweckt.

Auferstanden: der Lloydturm im zweiten Entwurf.
Bildvorlage: Axel Spellenberg

Und wie das alles finanzieren? Den Wiederaufbau der Ansgarii-Kirche soll privates Engagement ermöglichen, gern auch ein Mäzen. Alles Weitere ist Denkstoff für Investoren.

Ob die darauf anspringen, steht in den Sternen. „Wir wissen nicht, was Quest Invest vorhat“, sagt Huschke. Der neue Teileigentümer des Carrees – eine Unbekannte in den Planspielen der rührigen Stadtbildner. Völlig unklar auch, was der bekennende Bremen-Liebhaber Zech von solchen Anregungen hält. Spellenberg lässt sich davon nicht beirren. „Man muss den Investoren Bilder zeigen“, sagt er. „Ihnen zeigen, wie es aussehen könnte.“ Denn: „Wir haben nur noch eine Chance, eine eigene Gesamtvision zu entwickeln.“

Dass die Politik das Anliegen weitgehend ignoriert, stört die Stadtbild-Streiter nicht. Bisher hat sich nur der Bürgerschaftsabgeordnete Alexander Tassis (AfD) für den Wiederaufbau des Lloydgebäudes stark gemacht. Und das ist ja noch nicht einmal das, was Spellenberg und Huschke anstreben.

Nichts Neues seit der Bauhaus-Architektur

Die Ironie an der Geschichte: Spellenberg war früher selbst einer von denen, die er heute leidenschaftlich anprangert. „Auch ich habe brutal gebaut“, sagt er selbstkritisch. In einem Buch über große Bausünden sei er sogar als abschreckendes Beispiel angeführt worden. Doch dann habe ein Umdenken eingesetzt, nun begreift er sich als Teil einer Gegenbewegung „gegen die Tabula rasa-Mentalität“ seiner Berufskollegen. „Architekten sind heute hauptsächlich nur noch Manager, mit der Detailplanung haben sie nichts mehr zu tun.“ Eine Entwicklung in der modernen Architektur kann Spellenberg nicht erkennen. Sein harsches Urteil: „Seit dem Bauhaus ist nichts Neues hinzugekommen.“

Bis ins Detail durchdacht: Wegeschema zum fünften Entwurf.
Bildvorlage: Axel Spellenberg

Spellenberg stammt aus einer Architektenfamilie. Sein Vater war Architekt, er selbst trat in dessen Fußstapfen, sein eigener Sohn tat es ihm gleich. Fragt man ihn nach seinen Vorbildern, muss er nicht lange überlegen. Besondere Hochachtung empfindet er für Bernhard Hoetger, den Schöpfer der Böttcherstraße. „Ich bin ein Künstler-Architekt wie Hoetger“, sagt Spellenberg. Mit „tiefem Respekt“ begegnet er auch Johann Georg Poppe, dem führenden Bremer Architekten des späten Historismus. Doch auch Repräsentanten moderner Architektur wie Frank Lloyd Wright weiß er zu schätzen.

Erst vor drei Jahren ist Spellenberg aus dem Schwäbischen nach Norddeutschland gezogen, nun wohnt er mit seiner Frau in Worpswede – „nicht ohne Grund“, wie er mit Blick auf die große Vergangenheit des Künstlerdorfs sagt. Irgendwelche Ambitionen als Architekt habe er nicht, betont der 72-Jährige. „Ich bin vollkommen frei, ich brauche auf nichts Rücksicht zu nehmen.“ Gerade darum sieht er sich auch in der Rolle eines Ideengebers, der eingefahrene Strukturen im Denken der Baubehörden aufbrechen könne.

Der vierte Entwurf: die mittlere Altstadt aus der Vogelperspektive.
Bildvorlage: Axel Spellenberg

Huschke will seinen Teil dazu beitragen und sich demnächst mit den Investoren in Verbindung setzen. Denn: „Jetzt fallen die wegweisenden Entscheidungen. Deshalb müssen wir uns kurz vor Toresschluss Gehör verschaffen.“

Gehör verschaffen heißt für ihn aber auch, das Anliegen des Vereins in die Öffentlichkeit zu tragen. Noch immer fehlt den Männern vom „Historischen Stadtbild Bremen“ eine Online-Präsenz. „Dieser Malus wird behoben“, versichert Huschke. Und auch die direkte Kontaktaufnahme mit den Menschen auf der Straße soll nicht mehr allzu lange auf sich warten lassen. Im kommenden Jahr wollen Huschke und seine Mitstreiter auf dem Ansgarikirchhof mit Handzetteln für den Wiederaufbau der alten Kirche die Werbetrommel rühren.

von Frank Hethey

Dieser Beitrag ist eine erweiterte Fassung eines Artikels, der am 3. September 2017 im Weser-Kurier erschienen ist.

Und als Blickfang die rekonstruierte St. Ansgarii-Kirche: der fünfte Entwurf zur Neugestaltung des Ansgariquartiers.
Bildvorlage: Axel Spellenberg