Deutsche „Fräuleins“ und US-Soldaten in den frühen Nachkriegsjahren – nicht immer einfache Beziehungen

Wann seine Schwester den flotten GI kennenlernte, vermag Gerald Sorger nicht zu sagen. Auch nicht, wo sich die beiden über den Weg gelaufen sind. Doch ein Paar waren Edeltraud und Gerald (kurz: Jerry) Clarence Sabers spätestens seit 1948. Die damals 19-Jährige fand Gefallen an dem gut aussehenden Amerikaner, wohl auch an seinem lockeren Soldatenleben. Die US-Enklave Bremen war beliebt bei den Besatzungssoldaten, nicht zu Unrecht galt die Weserstadt als „GI Paradise“, zahlreiche Freizeitangebote versüßten die Militärzeit in der Fremde. Seine Schwester und ihr amerikanischer Freund hätten viel in US-Clubs und Kneipen gefeiert, erinnert sich Sorger. „Zu Hause in Grolland tranken die noch ein oder zwei Korn und dann ging es los zum Tanzen.“

Ein schönes Bier und ordentlich das Tanzbein schwingen: Das Titelblatt der US-Broschüre Bremen Port Command’s „GI’s Paradise“ (hier ein Ausschnitt, das vollständige Titelblatt findet sich weiter unten) ließ keinen Zweifel daran, was Bremen an Annehmlichkeiten zu bieten hatte.
Bildvorlage: Peter Strotmann

So ganz unbelastet waren Beziehungen zwischen amerikanischen Soldaten und deutschen „Fräuleins“ freilich nicht. In den frühen Nachkriegsjahren standen sie oft genug unter dem Generalverdacht, eher wenig mit wahrer Zuneigung zu tun zu haben. Argwöhnisch betrachteten viele leidgeprüfte Bremer das unbeschwerte Miteinander. Der gängige Vorwurf: Aus handfesten, vielfach materiellen Gründen ließen sich Mädchen und junge Frauen mit den US-Boys ein, in Wahrheit ginge es ihnen nur um Zigaretten, Alkohol und wilde Partys. Eine Mischung aus Vergnügungssucht und moralischer Verkommenheit. Von „Ami-Liebchen“ und „Flittchen“ war die Rede.

Ein Blick in den Roman „Die dunkle Arena“ illustriert die Zeitstimmung. In seinem Debütwerk von 1955 beschreibt Mario Puzo, der spätere Bestsellerautor des Mafiaepos „Der Pate“, seine Erfahrungen und Erlebnisse als GI in Bremen. Von lautstarken Gelagen in seiner Bleibe in der Metzer Straße in Schwachhausen berichtet Puzo. „Mit kreischenden Bremsen und viel Geschrei hielten die Jeeps vor dem Haus, vollbeladen mit Amerikanern in ihren olivgrünen Ausgehuniformen, hübsche, nacktbeinige deutsche Mädchen auf dem Schoß“.

Legte weite Wege zurück: die Einheit des US-Soldaten Jerry.
Quelle: Gerald Sorger

GIs machen „Fräuleins“ den Hof

Natürlich machten viele GIs deutschen „Fräuleins“ den Hof. Wie auch umgekehrt zahlreiche deutsche Mädchen und Frauen freundschaftlichen Kontakt zu den Besatzern suchten. Vielleicht nicht unbedingt zu schwarzen GIs, gegen die noch immer starke Vorbehalte herrschten. Da wirkten noch der NS-Rassendünkel wie auch ältere Klischeevorstellungen aus der kolonialen Vergangenheit nach. Sogar Bürgermeister Wilhelm Kaisen (SPD) soll sich bei der US-Militärregierung über allzu viele dunkelhäutige US-Soldaten auf Bremens Straßen beschwert haben.

Statistisch lassen sich die deutsch-amerikanischen Liebesbeziehungen nur schwer erfassen. Doch immerhin gibt es penibel geführte Erhebungen über deutsche Mädchen und Frauen, die unter Prostitutionsverdacht festgesetzt wurden. Von einem regelrechten „Fräuleinkarussell“ rund um die US-Freizeiteinrichtungen in der Glocke berichtet Mario Puzo. „Die GIs lungerten herum und beäugten die Frauen und die ‚Fräuleins’, die langsam vorbeidefilierten.“ Eine Brautschau in bedenklicher Nähe zum Straßenstrich.

Hatte ein Auge auf Edeltraud geworfen: GI Jerry.
Quelle: gerald Sorger

Amerikanische Militärpatrouillen und deutsche Sittenpolizei warfen ein strenges Auge auf weibliche Personen, die noch nach der Ausgangssperre auf den Straßen unterwegs waren. Wer erwischt wurde, musste mit entwürdigenden Untersuchungen auf Geschlechtskrankheiten rechnen. Eindringlich warnte der Weser-Kurier im Juli 1946 vor Übertretungen der Ausgehverbots: „Mädchen und Frauen! Geht nie, auch am Tage nicht, ohne ausreichenden Ausweis auf die Straße! Überschreitet auf keinen Fall die Sperrstunde am Abend!“

Doch hatte derlei wirklich mit enthemmten „Fräuleins“ zu tun? Natürlich nicht. Vielfach trieb pure Existenznot die Mädchen und Frauen in die Arme der GIs. Konnte man doch schließlich darauf bauen, von der guten Versorgung der Besatzungssoldaten zu profitieren. Schon allein Zigaretten und Alkohol hatten auf dem Schwarzmarkt einen beachtlichen Tauschwert. Dabei ging es den „Fräuleins“ nicht nur um sich selbst. Um unterernährte Kinder und darbende Eltern zu versorgen, dürften etliche Mädchen und Frauen moralische Skrupel beiseite geschoben haben.

Unter Prostitutionsverdacht

Vor allem im Hungerwinter 1946/47 schnellten die Zahlen der unter Prostitutionsverdacht aufgegriffenen Personen drastisch in die Höhe. Auch weniger attraktive Deutsche nahmen es in den Hungerjahren von 1946 bis 1948 nicht sonderlich genau mit bürgerlichen Ehrbegriffen. In den Wohnungs- und Ernährungsämtern kam es immer wieder zu Unterschlagungen und Diebstählen, die Korruption blühte. Fast amüsiert schildert Puzo kleinere Beutezüge seiner einheimischen Vermieter. „Die Amerikaner waren schlampig und passten auf ihre Sachen nicht auf. In den Zimmern der ganz besonders Achtlosen verschwand hin und wieder ein halb gefülltes oder ganzes Päckchen Zigaretten.“

Als frisch gebackene Ehefrau eines US-Soldaten nach Amerika zu gehen, dürfte der Traum etlicher deutscher Frauen gewesen sein. Das Elend hinter sich zu lassen und einem Leben im Wohlstand entgegen zu sehen, das war eine verlockende Vorstellung. Doch wer will schon ermessen, wann nur kühles Kalkül vorlag oder echte Zuneigung bestand? Oder vielleicht eine Mischung aus beidem?

Liebäugelte mit Jerry: Edeltraud.
Quelle: Gerald Sorger

Aus eigener Erinnerung kann Gerald Sorger die Anfänge der Beziehung zwischen Edeltraud und Jerry nicht schildern, ein Altersunterschied von 18 Jahren trennte ihn von seiner Schwester. Eigentlich war sie „nur“ seine Halbschwester, seine Mutter hatte ihre 1929 geborene Tochter aus erster Ehe in die zweite Ehe mit Friedrich Sorger gebracht, dem Feuerwehrmann aus Grolland (mehr zu den Hintergründen hier).

Womöglich begünstigten Jerrys deutsche Wurzeln die Bekanntschaft mit dem „Fräulein“ aus Grolland. Zumal seine Vorfahren ganz aus der Nähe von Bremen kamen, sie stammten aus dem Oldenburgischen. Sein Großvater mütterlicherseits hatte in der Gemeinde Steinfeld bei Vechta das Licht der Welt erblickt, mit seinen Eltern war er Mitte des 19. Jahrhunderts nach Amerika ausgewandert. Erst ging es in den Mittleren Westen, in ein kleines Städtchen im Osten von Iowa. Jerry selbst stammte aber aus Salem, einem Provinznest im westlichen Nachbarstaat South Dakota.

Dem potenziellen Schwiegersohn scheinen die Altvorderen nicht ablehnend begegnet zu sein. Nicht auszuschließen, dass auch Mitbringsel des GIs dazu beitrugen. Aussortierte US-Konserven stockten das Nahrungsangebot im Hause Sorger auf. „Auch für meine Eltern war das Verhältnis meiner Schwester zu Jerry durchaus positiv“, sagt Sorger. So positiv, dass sie ihm sogar den Namen des Amerikaners gaben: Gerald Sorger wurde nach dem Verehrer seiner Schwester benannt.

Mehrfach degradiert

Und doch gestalteten sich die Dinge nicht einfach. Zumal Jerry offenbar nicht den Erwartungen seiner Vorgesetzten entsprach, seine Karriere in der Army verlief alles andere als gradlinig. „Er war schon Sergeant, so etwas wie ein Feldwebel. Und ist dann degradiert worden bis zum Corporal, dem untersten Rang der Unteroffiziere.“ Die unvermeidliche Folge: „Die Streifen auf seiner Uniform haben sich immer verändert.“ Doch Jerry habe sich nicht unterkriegen lassen und stets wieder hochgearbeitet.

Für eine gemeinsame Zukunftsplanung dennoch nicht unbedingt die besten Voraussetzungen. „Jerry wollte sie heiraten, sie wollte aber nicht“, sagt Sorger. Statt mit Jerry das Weite in der Welt amerikanischer Militärstützpunkte oder in den Vereinigten Staaten selbst zu suchen, gab Edeltraud ihrem Verehrer einen Korb und heiratete einen Deutschen, mit dem sie im Elternhaus in Grolland wohnte. Wirklich glücklich wurde sie mit ihm aber nicht, die Ehe zerbrach schon wenige Jahre nach der Trauung in den 1950er Jahren.

Trautes Glück: Bauherr Friedrich Sorger in Feuerwehr-Uniform mit (v. l.) Ehefrau Erna, seiner Schwester Lisa, der Mutter und seiner Stieftochter Edeltraud vor dem neuen Eigenheim an der Wurster Straße 21.
Bildvorlage: Gerald Sorger

Womöglich hatte auch Jerry seinen Anteil daran. Aus seinem Einsatzort Bamberg habe er sich wieder gemeldet, berichtet Sorger. In den Augen des 69-Jährigen so etwas wie eine schicksalhafte Fügung – die beiden seien eben doch füreinander bestimmt gewesen. „Jerry hat meine Schwester sogar zum Scheidungstermin begleitet. In einem dicken Straßenkreuzer sind die beiden dann nach Hause gefahren und haben gefeiert.“

Geheiratet haben Jerry und Edeltraud schließlich doch noch, in Bamberg gaben sie sich das Ja-Wort. Eine Zeitlang lebten die beiden in den USA, zwischenzeitlich auch in Frankreich. Sein Soldatendasein führte das Ehepaar auch nach Heidelberg und wieder zurück in die Staaten nach Alabama und Florida. Als Endstation kristallisierte sich in den 1960er Jahren abermals der US-Stützpunkt in Heidelberg heraus, wohin ihnen auch die Eltern Sorger mit ihrem damals 18-jährigen Sohn Gerald folgten, bis heute lebt er ganz in der Nähe in Leimen.

von Frank Hethey