Ein Blick in die Geschichte (176): Ansichtskarte von 1906 lässt grüßen

Zum neuen Jahr kam 1906 diese leider etwas sparsam kolorierte Ansichtskarte in Umlauf. Neben dem Rathaus diente das Stadttheater in den Wallanlagen als Illustration, damals das einzige Theater in Bremen. Die vorgefahrene Kutsche wie auch die Kleidung der Besucher lassen keinen Zweifel: Dieses Haus war ein Hort höherer Schauspielkunst, keine Stätte für plumpe Komödien. Seit seiner Eröffnung 1843 wurde das Gebäude am Bischofstor mehrfach umgebaut, zuletzt bot es Platz für 1400 Menschen.

Im Dezember 1905 glänzte das Stadttheater mit gleich drei Uraufführungen, darunter das Drama „Ninon von Lenclos“ des damals 30-jährigen Ernst Hardt. Das Stück behandelt eine Episode aus dem Leben von Ninon von Lenclos, einer Femme fatale am Hofe des französischen „Sonnenkönigs“ Ludwig XIV. Noch im hohen Alter soll sie den Männern den Kopf verdreht haben. Gern wird sie als „Kurtisane“ bezeichnet, doch in Wahrheit dürfte die vielseitig interessierte Ninon von Lenclos eine emanzipierte Frau im 17. Jahrhundert gewesen sein. Der Einakter spielt im Herbst 1660 in Paris, noch nicht im Schloss Versailles. Die Protagonistin war nach Maßgabe des Dichters „sechsunddreißigjährig zu denken und sechsundzwanzigjährig darzustellen“.

Kam im Stadttheater auf die Bühne: ein Drama um Ninon von Lenclos.

Bremen wuchs in jenen Jahren in atemberaubender Geschwindigkeit an, innerhalb von fünf Jahren legte die Bevölkerung um mehr als 50.000 auf 214.879 Einwohner zu. Das machte sich in vielerlei Hinsicht bemerkbar, Monumentalbauten wie das Gerichtsgebäude und das Polizeihaus, die Baumwollbörse und das Lloydgebäude dokumentierten den Wandel des Stadtbildes. Auch neue Ausbildungsstätten wie das Technikum in der Neustadt (heute Hochschule Bremen) schossen aus dem Boden, im Dezember 1905 bewilligte die Bürgerschaft die Baukosten in Höhe von 139.500 Reichsmark.

Unverwüstlicher Fortschrittsoptimismus

Die Jahre um die Jahrhundertwende waren geprägt von einem geradezu unverwüstlichen Fortschrittsoptimismus. Nicht nur die staatstragenden Schichten, auch die Arbeiterklasse blickte optimistisch in die Zukunft. Freilich mischte sich schon damals hier und da ein skeptischer Ton ein, mitunter zeigte sich auch eine etwas morbide Sehnsucht nach einem großen Krieg als „reinigendes Gewitter“. Doch der Erste Weltkrieg war 1906 noch nicht in Sicht, noch blieb es beim Wettrüsten der Großmächte in ihren jeweiligen Bündnissystemen.

Nur wenige Jahre nach Herausgabe dieser Ansichtskarte kam 1910 mit dem Schauspielhaus in der Neustadt (heute Modernes) ein neues Theater hinzu. Als 1913 auch noch das Schauspielhaus im Ostertor (heute Theater am Goetheplatz) seinen Betrieb aufnahm, gab es eine Zeitlang sogar drei Theater in Bremen. Ernsthafte Konkurrenz machten sich allenfalls die beiden Schauspielhäuser mit moderneren Stücken, das Stadttheater erlebte zwischen 1910 und 1924 unter seinem Intendanten Julius Otto sogar eine Blütezeit. Ab 1933 hieß es „Staatstheater“, die abermalige Umbenennung in „Opernhaus“ 1943 spiegelte die Verschiebung des Repertoires wider.

Heute erinnert nur noch die Bezeichnung „Theaterberg“ an den Standort des früheren Stadttheaters. Im Oktober 1944 wurde es bei einem Bombenangriff schwer beschädigt, nur einige Räume konnten nach Kriegsende noch für Proben genutzt werden. Die letzten Reste verschwanden 1965, danach wurde an der historischen Stätte der terrassenförmige Theatergarten angelegt.

von Frank Hethey

Nicht wirklich farbenfroh: die Motive der Neujahrskarte von 1906.
Quelle: Peter Strotmann