Helmut Landau mit seiner Tochter am Weserufer – hinter den beiden die eingerüstete Martini-Kirche.
Quelle: Bestand Landau

Ein Blick in die Geschichte (169): Zu Beginn der 1950er Jahre an der St. Martini-Kirche

Noch deutliche Kriegsspuren wies Bremen auf, als Helmut Landau seine Kamera zückte und diesen Schnappschuss von Frau und Tochter machte. Der Schauplatz ist unschwer zu erkennen, seine Liebsten stehen an der Ufermauer nahe der Schlachte, hinter ihnen erhebt sich der Chor der St. Martini-Kirche.

Oder vielmehr das, was davon übrig war.

Die ersten fünf Kriegsjahre hatte das Gotteshaus aus dem 13. Jahrhundert weitgehend unversehrt überstanden, erst beim verheerenden Bombenangriff vom 6. Oktober 1944 versank es in Schutt und Asche. Im Grunde blieben nur die Außenmauern stehen, alles andere wurde ein Raub der Flammen.

Der Zeitpunkt der Aufnahme lässt sich mit einiger Sicherheit auf Anfang 1952 eingrenzen. Zeigt doch ein weiteres Foto aus der gleichen Serie den stolzen Vater mit seiner Tochter am Zaun der Ufermauer vor der eingerüsteten Südseite der Kirche. Noch tragen die Sträucher im Hintergrund keine Blätter, aber zumindest eines der Kirchenschiffe hat schon neue Dachziegel erhalten. Begonnen hatten die Bauarbeiten im Oktober 1951, bis Ostern 1952 sollten sie abgeschlossen sein.

Freilich warnte der Weser-Kurier vor verfrühten Hoffnungen. Die bescheidenen Mittel in Höhe von 60.000 DM seien nichts weiter als „ein Tropfen auf den heißen Stein“. Damit könnten nur die vier Giebel überdacht werden, der Chor indessen sei weiterhin den „Unbilden der Witterung“ ausgesetzt. An reguläre Gottesdienste war mithin nicht zu denken, vorerst musste der neu gestaltete Gemeindesaal neben dem Turmeingang reichen.

Parkende Autos vor dem zerstörten Chor der Martini-Kirche – aber das Neanderhaus erstrahlt schon wieder in alter Pracht.
Quelle: Bestand Landau

Neanderhaus schon früher wiederaufgebaut

Seit Kriegsende hatten Regen und Frost der Ruine mächtig zugesetzt. Der fortschreitende Verfall rief im Frühjahr 1951 den bremischen Staat auf den Plan. Als Erstes nahm man sich des Turmdachs an, danach kam unter Leitung des Architekten Walter Siber die Abdeckung des Kirchenraums an die Reihe. Für die Beseitigung sämtlicher Kriegsschäden wurden 1,5 Millionen Mark veranschlagt, gut die Hälfte kostete es, die Kirche wieder nutzbar zu machen.

Das ebenfalls kriegszerstörte Neanderhaus war damals schon wiederaufgebaut. Bereits im November 1948 hatten die Arbeiten dank der Spende eines Gemeindemitglieds begonnen. Der Anbau aus dem 16. Jahrhundert hatte bis 1926 als Pastorenhaus gedient, sein Namensgeber war der Bremer Kirchenlieddichter Joachim Neander. Tragisch nur, dass der Geistliche in dem gemütlichen Gemäuer nicht sonderlich viel Lebenszeit verbrachte. Schon bald nach seinem Einzug starb er mit kaum 30 Jahren im Mai 1680.

Nach ihm wurde auch das Neandertal bei Düsseldorf benannt, sein bevorzugter Rückzugsort als Komponist wie auch die Stätte zahlreicher Freiluftgottesdienste während seiner rheinischen Jahre. Indirekt avancierte der reformierte Gottesmann so auch zum Namenspaten des Neandertalers. Bei Steinbrucharbeiten wurden 1856 ausgerechnet dort, wo einst Neander von der biblischen Schöpfung gesprochen hatte, Knochenfragmente des vor 30.000 Jahren ausgestorbenen Verwandten des Menschen gefunden.

Aus Kirchenmitteln musste denn auch das Innere des Sakralbaus wiederhergestellt werden. Wenig erstaunlich, dass sich die Arbeiten wie befürchtet noch über etliche Jahre hinzogen. Erst im Dezember 1960 konnte die Martini-Kirche feierlich eingeweiht werden.

von Frank Hethey

Genossen den Blick auf die Weser: Mutter und Tochter Landau.
Quelle: Bestand Landau