Noch mit Leier und Schwert: das Körner-Denkmal um 1908 – heute fehlt das Schwert.
Quelle: Staatsarchiv Bremen

Ein Blick in die Geschichte (137): Bombenkrieg beschädigte klassizistisches Häuser-Ensemble

Lange Jahre sah es ziemlich kurios aus, das einst so eindrucksvolle Häuser-Ensemble am Scheitelpunkt des Körnerwalls. Klaffte doch inmitten der Bebauung eine gewaltige Lücke, die der Bombenkrieg gerissen hatte. Erst 1988 wurde der Zwischenraum durch einen Neubau wieder gefüllt. Dass der seinem Vorgängerbau täuschend ähnlich sieht, kann kaum verwundern. Denn beim Bau waren Auflagen des Denkmalschutzes zu beachten.

Tatsächlich kann der Körnerwall als Besonderheit im Ostertorviertel gelten. Schon bei einem Blick auf alte Stadtpläne wird klar, dass es sich um einen der wenigen wirklich konzeptionell durchdachten Abschnitte in der östlichen Vorstadt handelt. Während ringsum die Bebauung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts mehr oder weniger wucherte, verfolgte der Bauunternehmer Heinrich Carl Oldehoff bei der Anlage des u-förmigen Platzes 1859 mit dem Rasenstück in der Mitte einen echten Plan.

In seinem Auftrag entwarf der Maurermeister Johann Bummerstedt eine Bebauung ganz im klassizistischen Zeitgeschmack. An beiden Seiten sollten zweigeschossige Reihenhäuser entstehen und im Zentrum laut Landesdenkmalamt ein Ensemble von „drei palaisartig zusammengefassten Häusern“. Die merkwürdige Nachkriegsoptik kam zustande, weil ausgerechnet das Herzstück im Zweiten Weltkrieg zerstört wurde.

Körner als nationale Ikone

Mit der neuen Straße wollte Oldehoff an den Dichter Theodor Körner erinnern, damals eine Ikone der nationalen Selbstvergewisserung. Vielleicht kein Wunder in Zeiten, da der deutsche Nationalstaat nach Meinung vieler Zeitgenossen allzu lange auf sich warten ließ. Der erste Anlauf im Revolutionsjahr 1848 war gescheitert, die Reichsgründung von 1871 noch Zukunftsmusik. Das Zeug zum gefeierten Nationaldichter brachte Körner nicht zuletzt durch seinen „Heldentod“ mit. Im Alter von nur 21 Jahren war er als Freikorpskämpfer in den „Befreiungskriegen“ gegen Frankreich im August 1813 umgekommen.

Mit Leier, aber ohne Schwert: die Körner-Statue am Körnerwall.
Foto: Frank Hethey

Von Körner stammen die berühmten Worte „Es ist kein Krieg, von dem die Kronen wissen“ – ein unverblümtes, durchaus obrigkeitskritisches Plädoyer für einen Volkskrieg gegen die französischen Besatzer, als Kontrastentwurf zum althergebrachten Kabinettskrieg mit bezahlten Söldnern.

Körner brachte auch die Worte zu Papier „Das Volk steht auf, der Sturm bricht los“. Eine denkwürdige Parole, die NS-Propagandaminister Joseph Goebbels nach dem Debakel von Stalingrad in seiner berüchtigten Sportpalast-Rede mit den Schlussworten „Nun, Volk, steh’ auf, und Sturm, brich’ los!“ wieder aufnahm.

Leier und Schwert als typische Insignien

Eine lebensgroße Statue wollte Oldehoff dem Dichter eigentlich nicht setzen. Sondern nur einen Gedenkstein, allerdings starb er vor der Verwirklichung. Weil bei der Sammlung zum 50. Todestag des Dichters weit mehr Geld als erwartetet zusammenkam, gaben die Initiatoren beim Bremer Bildhauer Johann Andreas Deneys statt des Steins eine Statue in Auftrag. 1865 wurde sie enthüllt, selbstverständlich mit den typischen Körner-Insignien Leier und Schwert nach dem Titel der posthum veröffentlichten Gedichtsammlung.

Freilich ist der Statue das Schwert abhanden gekommen, nur noch die Leier befindet sich in seiner Linken.

Unvergessen auch die legendäre Kneipe „Storyville“ am Körnerwall. „Früher war die Baulücke ein beliebter Schleichweg von der Weberstraße zum ‚Storyville’“, sagt Anwohner Ralph Schneider. Der Bremer Schriftsteller Sven Regener hat dem Lokal in seinem Bestseller „Neue Vahr Süd“ ein literarisches Denkmal gesetzt.

„Zum Storyville war es nicht mehr weit“, heißt es da über seinen Protagonisten Frank Lehmann, „und leichten Schrittes ging er seinen Weg, bis ihn am Körnerwall, einer hufeisenförmigen Straße, die ein kleines Rasenstück einfasste, an dessen anderem Ende Achim und Martin Klapp im Storyville auf ihn warteten, ein plötzlicher Übermut überkam.“ Dieser Übermut verleitete ihm zum Sprung über eine Hecke, in dessen Folge es zu einem schmerzhaften Bodenkontakt kam.

Doch das ist eine andere Geschichte.

von Frank Hethey

Ein kurioser Anblick: die langjährige Baulücke am Körnerwall, hier auf einem Foto vom Sommer 1969.
Quelle: Staatsarchiv Bremen