Schon mit dem Muster der Speckflagge bemalt: der Gasometer im Jahre 1953.
Quelle: Quelle: Kulturhaus Pusdorf

Zur Radziwill-Ausstellung in der Kunsthalle: Die Geschichte des Gasometers mit der Speckflagge

Das von Franz Radziwill 1960 geschaffene Gemälde „Der bunte Gasometer“ hat mir die Erinnerung an den Gasometer in der Bremer Neustadt zurückgebracht. Nur um dieses Bild in natura zu sehen, werde ich bestimmt noch die Ausstellung „Franz Radziwill und Bremen“ in der Bremer Kunsthalle (von 22. März bis 9. Juli 2017) besuchen.

Der riesige Gasometer als magischer Anziehungspunkt

Das Gasometer war viele lange Jahre ein prägendes Bremer Wahrzeichens. Er war mit seinen 81 Metern Höhe und mit 45 Metern Durchmesser ein richtig gutmütiges Bauwerk. Auf meinem Schulweg wurde ich einige Jahre lang von dieser riesigen Dose wie magisch angezogen.

Wie gewaltig der Gasometer war, sieht man auf einem Foto von 1984. Der Blick geht von der Pappelstraße in der Neustadt in Richtung Langemarckstraße. Der Gasometer scheint zum Greifen nah, aber es trennen uns von ihm noch einige hundert Meter Straße, und zwar die Hochstraße der Bundesstraße 75, die Eisenbahnstrecke nach Oldenburg und ein Stück Betriebsgelände der Stadtwerke in Woltmershausen (heute swb). Das machte insgesamt etwa 800 Meter. Die Straßenbahnschienen durch die Pappelstraße gehören, ebenso wie der Gasometer, längst der Vergangenheit an.

Gasometer mit Speckflagge wird zum Wahrzeichen

Es ist ist nicht so, dass es in anderen Städten keine Gasometer gegeben hätte, aber auf dem unseren war die Bremer Speckflagge aufgemalt. Das war eigentlich ganz einfach zu machen, denn die Riesenkonservendose war aus einzelnen, rund gebogenen Blechen zusammengesetzt. Diese Bleche wurden mit 400.000 Nieten zusammengehalten. Jetzt brauchte man nur noch ein Feld weiß, das andere rot auszumalen.

Nicht nur teilweise, sondern ganz im Gewand der Speckflagge: der Gasometer, wie ihn Franz Radziwill sah.
Quelle: E.ON Art Collection, Essen / Foto: Maurice Cox, © VG Bild-Kunst, Bonn 2017

Aber der Gasometer hatte nicht von Anfang an das weiß-rote Muster aufgemalt. Als man 1949 mit dem Bau begann, war das nicht vordringlich. Wichtig war nur, endlich wieder einen großen Gasspeicher für die Versorgung der Stadt zu haben. Als er im Oktober 1950 gefüllt wurde, fasste er seine 100.000 Kubikmeter Gas. Das war das Gas, das die Stadtwerke im Woltmershauser Gaswerk aus Steinkohle selbst erzeugten. Es hieß Stadtgas oder auch Leuchtgas.

Sehr aufschlussreich ist ein Foto von 1953, damals schon mit dem Muster der Speckflagge. Für Wartungsarbeiten sind am Außenzylinder sechs umlaufende Stege installiert. Das ergibt oberhalb der Stege auch sechs Segmente. Auf dem Foto sind vier der umlaufenden Segmente mit der Speckfahne ausgemalt. In der Röhre links ist das Treppenhaus, über das man die Stege und das Dach des Gasometers erreichen kann.

Die Geschichte der Bremer Gasanstalt

Die erste Bremer Gasanstalt war bereits 1854 in Betrieb gegangen. Die Gasanstalt lag in etwa dort, wo jetzt der Nordausgang vom Hauptbahnhof ist. Die Kohle lagerte auf der Bürgerweide. Doch damit war es 1901 vorbei, da in Woltmershausen, neben dem Oldenburger Bahndamm, ein neues großes Gaswerk errichtet wurde. Damit konnte die immer größer werdende Stadt ausreichend versorgt werden. Zuletzt waren es 30 Öfen, die pro Tag die gewaltige Menge von 70.000 Kubikmeter Gas aus Steinkohle produzierten.

Trotzdem konnte damit der steigende Energiebedarf nicht mehr gedeckt werden. Am 15. Januar 1964 bekam Bremen zum ersten Mal Ferngas aus dem Ruhrgebiet. Damit war das stadteigene Gaswerk überflüssig und wurde noch im gleichen Jahr abgebaut.

Bremens Gasversorgung erlebte bis 1969 noch die Umstellung von Stadtgas auf das doppelt so energiereiche Erdgas.

Obwohl der Gasometer ein prägendes Bremer Bauwerk war, wurde es 1984 abgerissen. Heutzutage wird das Erdgas in etwa 1000 Meter Tiefe unter der Erdoberfläche in einer sogenannten Erdgaskaverne in Bremen-Lesum gespeichert. Dieser Speicher hat ein nutzbares Gasvolumen von 72 Millionen Kubikmetern. Das sind etwa 8 Prozent des jährlichen Bremer Gasbedarfs.

Titel: Stadtteil in der Umklammerung von Industrie und Verkehr,
Woltmershausen einst und jetzt.
Bunkerbemalung von Jürgen Schmiedekopf, 1982/83.
Hier sind die beiden oberen Segmente mit der Speckflagge ausgemalt.
Standort: Auf dem Bohnenkamp in Woltmershausen
Foto: Peter Strotmann

Wie funktioniert ein Gasometer?

Ein Gasometer dieser Bauart ist ein sogenannter Trockengasometer. Das Prinzip versteht man, wenn man in eine Luftpumpe am Gummi-Nippel hineinbläst. Dann wird der Kolben nach oben gepresst. Drückt man den Kolben wieder herunter, dann wird der Fahrradschlauch mit Luft gefüllt. Im Bremer 100.000 Kubikmeter-Gasometer war natürlich alles eine Nummer größer. Im Innern befand sich ein Hohlzylinder mit etwa 73,5 Metern Höhe und rund 45 Metern Durchmesser. So wog allein der Kolben, der als Deckel ausgebildet war, stolze 290 Tonnen. Er hielt das Gas unter Druck. Öffnete man unten am Behälter ein Ventil, wurde das Gas durch das Gewicht des Deckels bis in die Leitungen der Häuser gedrückt. Umlaufende Gummidichtungen am Rand des Deckels verhinderten, dass das Gas unkontrolliert austrat.

Der bunte Gasometer von Franz Radziwill

Franz Radziwill (1895 bis 1983) gilt in der Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts als Einzelgänger, sein Werk ist unverkennbar. Erstmalig wurde nun seine Beziehung zur Hansestadt Bremen untersucht. Hier verbrachte er prägende Jahre seiner Kindheit und Jugend, die in seinem gesamten Werk Spuren hinterlassen haben.

Mit seinem Gemälde vom Gasometer mit dem Speckflaggenmuster hat Franz Radziwill 1960 das nach dem Bremer Dom zweithöchste Bremer Bauwerk auf die Leinwand gebracht. In seiner künstlerischen Freiheit hat er gleich den gesamten zylindrischen Behälter mit den rot-weißen Schachbrettmuster überzogen. Vielleicht hat er schon seinerzeit ausdrücken wollen, welche Bedeutung ein mit der Speckflagge gestalteter Turm haben könnte. Er hätte sicher noch immer seine Werbewirksamkeit für Einheimische und Touristen. Auch im Inneren hätte er vielseitig genutzt werden können. Beim Abriss im Jahre 1984 hat das eine untergeordnete Rolle gespielt. Schade drum.

Franz Radziwills ausführliche Lebensbeschreibung und die Interpretationen der ausgestellten Bilder sind im Ausstellungskatalog „Franz Radziwill und Bremen“ der Kunsthalle Bremen enthalten. Preis: 14,95 Euro.

von Peter Strotmann

Sieht nah aus, ist aber ziemlich weit weg: Blick auf den Gasometer in Woltmershausen von der Pappelstraße. Die Aufnahme stammt aus dem Jahr 1984.
Quelle: Andreas Mausolf/Stadtteil-Archiv Bremen-Neustadt