Vor 50 Jahren: Bremer Straßenbahnunruhen im Januar 1968 sorgen bundesweit für Aufsehen

Als Joachim Barloschky am 18. Januar 1968 wieder mitmischte, waren die Jugendproteste gegen die saftige Fahrpreiserhöhung der Bremer Straßenbahn AG längst aus dem Ruder gelaufen. Nach drei Tagen bestimmten Jagd- und Prügelszenen das Bild, auf dem Marktplatz herrschte an diesem Donnerstag der Ausnahmezustand. In Bremens „guter Stube“ fuhr die Polizei mit einem Wasserwerfer vor, stundenlang lieferten sich Demonstranten und Ordnungshüter handfeste Auseinandersetzungen mitten in Bremen. Hin und her wogte die Straßenschlacht, auf der einen Seite mehrere Tausend Demonstranten, auf der anderen die wenig zimperliche Staatsmacht. „Das war schon hart, als die Knüppelgarde vorgerückt ist“, sagt der heute 65-Jährige. Doch zum Glück habe er nicht in der ersten Reihe gestanden. „Von den Wasserstrahlen habe ich nur ein paar Spritzer abgekriegt.“

Was sich vor 50 Jahren in Bremen abspielte, sorgte für Aufsehen in der ganzen Republik. Das neue Jahr 1968 hatte kaum begonnen, da zeigte sich der aufmüpfige Geist der Achtundsechziger ausgerechnet an der Weser. Nicht Westberlin als Zentrum der Studentenrevolte machte den Anfang, sondern das beschauliche Bremen. „Wieso gerade dort, wo die Linke regiert, ein jugendlicher Sturm losbrach, der nicht von rechts kam, scheint rätselhaft“, schrieb „Der Spiegel“ am 29. Januar 1968. Gleich zweimal berichtete das Nachrichtenmagazin über das staunenswerte Geschehen in der „sonst so betulichen Grünkohl-und-Pinkel-Stadt“.

Wasserwerfer im Einsatz: Polizeigewalt gegen Demonstranten während der Bremer Straßenbahnunruhen im Januar 1968.
Quelle: Senator für Inneres

Damit hatte keiner gerechnet, weder die jugendlichen Demonstranten noch der Senat unter dem damals noch neuen Bürgermeister Hans Koschnick (SPD). Halb schockiert, halb amüsiert nahm Deutschland die Proteste zur Kenntnis – Bremen als Epizentrum des rebellischen Zeitgeistes. Als „Straßenbahnunruhen“ sind die viertägigen Tumulte in die Geschichte eingegangen.

Harmlose Anfänge

Dabei hatte alles so harmlos angefangen. Von langer Hand sei nichts geplant gewesen, sagt Barloschky. „Aber wir wollten auch mehr machen, als nur ein paar Flugblätter zu verteilen.“ Mehr oder weniger spontan ließen sich am 15. Januar 1968 die ersten Demonstranten auf den Gleisen nieder. Eine Sitzblockade also, die schon bald für ein heilloses Verkehrschaos auf der Domsheide sorgte. Straßenbahnen und Busse blieben stecken, nichts ging mehr. Als blutige Anfänger in Protestdingen waren die Schüler selbst überrascht von der Wirkung ihrer Aktion. Einigermaßen hilflos auch die Beamten, die nicht recht wussten, wie sie reagieren sollten. „Die Polizei war nicht gut vorbereitet“, erinnert sich Barloschky.

Klare Forderung: Schülerplakat auf dem Höhepunkt der Straßenbahnunruhen.
Quelle: Staatsarchiv Bremen

Einmal richtig in Wallung, wollten die jungen Leute nicht einfach Ruhe geben. Etliche von ihnen zogen weiter zum Hauptbahnhof. „Wo ich leider gleich festgenommen wurde“, sagt der Mann, der auch schlicht als „Barlo“ bekannt ist. Doch allzu lang währte die nähere Bekanntschaft mit der Polizei nicht, schon nach einer Viertelstunde war der damals 15-Jährige wieder auf freiem Fuß. Für alle Beteiligten verstand es sich von selbst, den Protest anderntags fortzusetzen. Wobei keiner auf den verwegenen Gedanken kam, die Schule zu schwänzen oder dem Ausbildungsbetrieb fernzubleiben. So weit ging das Aufbegehren dann doch nicht, erst nachmittags wollten die Demonstranten ihrem Unmut wieder freien Lauf lassen – oft genug in Schlips und Kragen, die Zeit der langen Haare sollte erst noch kommen. „Die Losung lautete: Morgen treffen wir uns um 17 Uhr auf der Domsheide.“

Doch daraus wurde nichts, zumindest nicht für Barloschky. Zwei Tage konnte er die rasch eskalierenden Jugendproteste nur aus der Ferne verfolgen. „Mein Vater hatte mich zu Stubenarrest verdonnert“, sagt er. Gegen die Staatsgewalt aufbegehren, aber vor Papa kuschen – ein merkwürdiger Widerspruch. Erklärlich allerdings, wenn man sein jugendliches Alter bedenkt. Die Konfrontation mit der Obrigkeit war absolutes Neuland für ihn. Genauso wie für den Vater, der seinen Filius nicht noch einmal in Polizeigewahrsam sehen wollte. Dabei war der Altvordere keineswegs ein klassischer Spießer, an dem sich ein rebellischer Spross nach Herzenslust reiben konnte. Im Gegenteil, als die Ereignisse sich überschlugen, machte der Vater gemeinsame Sache mit seinem Sohn. „Am Donnerstag bin ich mit Papa und Schwester zur Demo gegangen.“ Der öffentliche Protest als Familientermin.

In Erwartung der Demonstranten: Polizeiaufgebot auf der Domsheide.
Quelle: Staatsarchiv Bremen

Die USB-Gründung als Meilenstein

Bereits seit ein paar Monaten gärte und brodelte es in Bremen, wenn auch noch auf kleiner Flamme. Als wichtigen Meilenstein betrachtet Barloschky die Gründung des Unabhängigen Schülerbundes (USB) als gesamtstädtischer Interessenvertretung am 18. November 1967. Dessen Wiege liegt in Bremen-Nord, der spätere Wortführer der Schülerproteste, Hermann Rademann, und andere hatten den USB im März 1967 aus der Taufe gehoben. Mit einiger Zeitverzögerung eiferte die Stadtjugend dem hehren Vorbild nach.

Freilich nicht, um in Konkurrenz zum etablierten, eher bedächtigen Arbeitskreis Bremer Schülerringe (ABS) zu treten. „Den ABS wollten wir ersetzen“, sagt Barloschky. „Das war schon ein Ausdruck der Unruhe. Ab da ging es Schlag auf Schlag.“ Erst der legendäre Gastauftritt von Studentenführer Rudi Dutschke in der Lila Eule am 27. November, dann Heiligabend eine Plakat- und Flugblatt-Aktion gegen den Vietnamkrieg auf den Domtreppen. Schon damals mittendrin: Joachim Barloschky mit einem selbstgemalten Plakat, auf dem zu lesen war „Denkt nicht nur an eure Weihnachtsgans, denkt auch an Vietnam“.

Hatten sich einiges zu sagen: Rudi Dutschke (li.) und Olaf Dinné im Herbst 1979.
Quelle: Bestand Dinné

Zu dieser Zeit trieb die Schüler schon die Ankündigung der BSAG um, die Fahrpreise um bis zu 26 Prozent zu erhöhen. Das wollte man nicht tatenlos hinnehmen. Zumal Widerstand von keiner anderen Seite zu erwarten war, noch nicht einmal von der CDU. Eine sozial-liberale Koalition und die Gewerkschaften hatten Bremen fest im Griff. „Wir hatten das Gefühl, als außerparlamentarische Opposition die einzige echte Opposition zu sein“, sagt Barloschky. Im Dachgeschoss der Lila Eule redeten sich die USB-Aktivisten die Köpfe heiß, ohne sich auf eine wirkliche Strategie verständigen zu können.

Keine großen Erfolgsaussichten billigte Lila Eule-Betreiber Olaf Dinné dem Vorhaben zu, als damals bereits 32-jähriger Juso nicht eben ein Altersgenosse der wütenden Schülergeneration. „Ich konnte mir nicht vorstellen, dass die Proteste irgendetwas bewirken würden“, räumt er rückblickend freimütig ein. Sein Freund und Eule-Mitbetreiber Gerd Settje habe aber schon bei einem dieser Treffen eine Sitzblockade angeregt. Immerhin reichte es für die Abfassung eines Flugblatts. Es begann mit einer Suggestivfrage: „Fahrpreiserhöhung: Sind Sie damit einverstanden?“ Die Antwort verstand sich von selbst: „Wir nicht.“

Koschnick als Ordnungspolitiker

Als Barloschky auf Geheiß seines Vaters das Haus hüten musste, wurde der Protest zu einer Art Pflichttermin für Schüler und Lehrlinge. Am Dienstag, 16. Januar, füllten 1500 Menschen die Innenstadt, am Mittwoch bereits doppelt und dreifach so viele. Erste Rangeleien und Festnahmen erhitzten die Gemüter. Ein Wasserwerfer kam zum Einsatz, als Steine flogen und Straßenbahnen beschädigt wurden. Noch verfolgte die Polizei eine harte Linie, auch Koschnick gab sich als Ordnungspolitiker, dem Druck der Straße wollte er nicht weichen.

Der aufstrebende SPD-Politiker: Der 34-jährige Hans Koschnick 1963 kurz nach seiner Wahl zum Innensenator.
Quelle: Staatsarchiv Bremen

Doch die Jugendlichen beharrten auf ihren Forderungen – und sie erhielten immer mehr Zulauf. Der Höhepunkt der Unruhen dann am Donnerstag, als sich die drei Barloschkys unter die nun schon rund 20.000 Demonstranten mischten. Zu zweifelhaftem Ruhm gelangte insbesondere Polizeipräsident Erich von Bock und Polach, der seine Leute mit den Worten „Draufhauen, draufhauen, nachsetzen!“ gegen die Demonstranten hetzte.

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Spätestens jetzt, mit den Gewaltexzessen vom 18. Januar 1968, bröckelte der Rückhalt für die harte Linie des Senats. Viele Unbeteiligte seien entsetzt gewesen über die Prügelorgien, sagt Barloschky. „So etwas darf man mit unserer Jugend doch nicht machen“ habe der Tenor gelautet. Als sich dann auch noch die Arbeiter der Klöckner-Hütte mit den Demonstranten solidarisierten, bekam selbst der allmächtige, allerdings schon damals politisch angeschlagene SPD-Fraktionschef und Gewerkschaftsboss Richard Boljahn kalte Füße. Erstmals seit Beginn der Proteste herrschte am Freitag, 19. Januar, angespannte Ruhe. Und das, obschon sich abermals zig Tausende Demonstranten eingefunden hatten.

Mevissen findet die richtigen Worte

Den gordischen Knoten durchschlug am frühen Abend Bürgermeisterin und Jugendsenatorin Annemarie Mevissen (SPD) – nicht Koschnick, der trotz der prekären Lage zu einer Dienstreise nach Düsseldorf aufgebrochen war. Nach einer Krisensitzung mit Schülervertretern begab sie sich zur Domsheide und damit ins Zentrum des Orkans. Auf einer Streusalzkiste stehend bekräftigte die 53-Jährige die Legitimität der Proteste und sorgte damit für einen radikalen Stimmungsumschwung. Plötzlich war keine Rede mehr von Polizeieinsätzen, fortan wurde ein Kompromiss gesucht und gefunden. Nun auch unter Beteiligung Koschnicks, der sich am 22. und 24. Januar vor Tausenden auf dem Domshof blicken ließ.

Doch zuvor hatte sich der Bürgermeister unvermutet bei einem Parteigenossen gemeldet, dem Eule-Betreiber Dinné, dessen Haus an der Bernhardstraße als Treffpunkt der Schüler diente. „Koschnick rief mich an und fragte, was er tun sollte“, sagt Dinné. Anfangs habe dem Bürgermeister die Stadthalle als Veranstaltungsort vorgeschwebt, nicht der Domshof als Schauplatz des Aufruhrs. Offenbar fürchtete er, die aufgebrachten Jugendlichen könnten handgreiflich werden, ihn womöglich vom Podium zerren.

Auf der Streusalzkiste: Bürgermeisterin Annemarie Mevissen und USB-Wortführer Hermann Rademann.
Quelle: Landesinstitut für Schule/Jochen Mönch

Doch das konnte Dinné ihm ausreden – seine Empfehlung: sich den Demonstranten am Domshof stellen und einfach die Tariferhöhungen zurücknehmen. Was dann auch geschah, jedenfalls teilweise. Zerknirscht räumte Koschnick später eine fatale Fehleinschätzung der Situation ein: „Ich hätte es gleich sehen müssen: Hier brodelt viel mehr und das löst man nicht mit der Polizei.“

Barloschky erlebte die Straßenbahnunruhen als politisches Initiationserlebnis. „Die Stimmung war: Wir haben gewonnen“, sagt er. „Wir hatten das Gefühl: Es lohnt sich, sich zu wehren.“ Und das tut er seither mit einer bemerkenswerten Ausdauer, viele Jahre als Quartiersmanager in Tenever, bis heute als Sprecher des Aktionsbündnisses für ein Menschenrecht auf Wohnen. Kurz nach Ende der Straßenbahnunruhen reiste er im Februar 1968 zum Vietnam-Kongress nach Westberlin und nahm im Mai 1968 am Sternmarsch gegen die Notstandsgesetze teil, die damals höchst umstrittenen Bestimmungen zur Beschneidung bürgerlicher Freiheiten im Krisenfall.

Auch nach Ende der Straßenbahnunruhen protestierte die Jugend: Kundgebung zum 1. Mai 1969.
Bildvorlage: Edgar Einemann

Zur Offenbarung wurde ihm die Lektüre von Karl Marx und Friedrich Engels. „Dadurch hat sich vieles erklärt, es war wie ein Blick in den inneren Mechanismus des Weltgeschehens“, sagt Barloschky. Er hat es sich zur guten Gewohnheit gemacht, jedes Jahr im Sommer das „Kommunistische Manifest“ zu lesen und entdeckt immer wieder neue Seiten. Marx dient Barloschky noch immer als roter Faden. „Das Manifest ist heute so aktuell wie früher“, sagt der bekennende, aber nicht mehr parteigebundene Marxist – seine Karriere als „Berufsrevolutionär“ liegt längst hinter ihm, die Deutsche Kommunistische Partei (DKP) hat er nach dem Mauerfall von 1989 verlassen.

Wenn Barloschky heute zurückdenkt an 1968, sieht er einige Parallelen zur Gegenwart: die Große Koalition, eine rechte Partei in den Parlamenten – damals die NPD, heute die AfD. Und deshalb gebe es auch heute noch genauso viele gute Gründe, sich gesellschaftlich und politisch zu engagieren. Zu den Fahrpreisen hat er eine klare Haltung, die noch kompromissloser ist als damals. „Der öffentliche Nahverkehr gehört zur Daseinsfürsorge, er sollte ausgebaut werden und kostenlos sein.“ Nach wie vor hegt Barloschky den „alten Menschheitstraum“, sich frei entfalten zu können, die Entfremdungstendenzen zu überwinden.

Zwar gibt er zu: „Dieser Traum steht nicht gerade vor der Haustür.“ Aber was macht das schon, ein bisschen träumen von einer besseren Welt wird man wohl noch dürfen.

von Frank Hethey

Dieser Beitrag ist eine stark erweiterte Fassung eines Artikels, der am 21. Januar 2018 im Kurier am Sonntag erschienen ist.

Vier Tage Konfrontation: auf der einen Seite Schüler und Lehrlinge, auf der anderen die Polizei.
Quelle: Staatsarchiv Bremen