Ein Blick in die Geschichte (142): Die Neue Börse am Markt – kolorierte Ansichtskarte mit Fehler

Was für eine hübsche Ansichtskarte, denkt man sich. Und dann auch noch so filigran koloriert, das wirkt gleich viel authentischer als historische Aufnahmen in schwarz-weiß oder dem bräunlichen Sepia. In Umlauf war dieses farbenfrohe Exemplar um 1910, es zeigt den damaligen Zustand von Bremens „guter Stube“.

Eigentlich ein gewohnter Anblick. Nur der monumentale Prachtbau der Neuen Börse passt nicht so recht ins Bild. Natürlich vor allem deshalb, weil das kriegsbeschädigte Gebäude schon längst nicht mehr existiert, es wurde vor über 60 Jahren abgerissen (mehr dazu hier). Aber das ist nicht alles. Denn die so adrett kolorierte Börse lockt den geneigten Betrachter auf eine falsche Fährte, es wird eine Farbgebung vorgegaukelt, die es in Wahrheit nie gegeben hat.

Noch vorhanden: das Börsennebengebäude als Überbleibsel der Neuen Börse. Blick von der Wachtstraße in Richtung Börsenpassage.
Foto: Frank Hethey

Für Zeitzeugen, die sich noch an die 1955 beseitigte Börsenruine erinnern können, wird der Fehler auf der Hand liegen. Nicht aber für spätere Generationen, die das Bauwerk aus eigener Anschauung nicht mehr kennen. Zwar gibt es noch reichlich Bildmaterial von der Neuen Börse. Doch da es sich meist um Schwarz-Weiß-Aufnahmen handelt, verraten sie nichts über die originale Farbe der Fassade.

Gleichwohl lässt sich der Sache relativ leicht auf den Grund gehen. Liefert doch das erhaltene, halbrunde Börsennebengebäude einen ziemlich sicheren Hinweis auf die ursprüngliche Klinkerfarbe des Hauptgebäudes. Ein kurzer Blick genügt, um sich Klarheit zu verschaffen: Gelblich ist die Fassade, nicht rot.

Fassadensteine aus Glückstadt

Sicherlich wäre theoretisch denkbar, dass Neben- und Hauptgebäude mit verschiedenfarbigen Steinen verkleidet waren. Doch dieser Gedanke erscheint einigermaßen unsinnig, es hätte dafür kaum einen triftigen Grund gegeben. Dass das gesamte Börsengebäude eine gelbe Fassade hatte, bestätigt auch Uwe Schwartz vom Landesamt für Denkmalpflege. Im neuen Heft der hauseigenen Schriftenreihe spricht er von „den gelben, aus Glückstadt herbeigeschafften Fassadensteinen“.

Fragt sich nur, warum die Neue Börse auf der Ansichtskarte entgegen der doch offensichtlichen Farbgebung rot koloriert ist. Die einzig plausible Antwort: Vermutlich war ein ortsfremder Verlag am Werk. Die Produzenten von Ansichtskarten erlebten damals goldene Zeiten, mit Stadtansichten ließ sich ordentlich Geld verdienen. Da erschien es durchaus lukrativ, auch Motive von fremden Städten auf den Markt zu werfen.

Mit der Genauigkeit nahm man es vielfach nicht so genau. Hauptsache schön bunt, dürfte das Motto gewesen sein. Für Ortsfremde waren solche Fehler ohnehin nicht auf den ersten Blick ersichtlich, nur die Bremer dürften geschmunzelt haben.

von Frank Hethey

Hübsch anzusehen, aber leider fehlerhaft: kolorierte Ansichtskarte vom Markt um 1910.
Quelle: Bestand Brandes