Musste auf den Weltmeeren einiges aushalten: die „Schulschiff Deutschland“ in schwerer See.
Quelle: Deutscher Schulschiff-Verein

Die „Schulschiff Deutschland“ feiert im Juli 2017 ihren 90. Geburtstag

Wer die „Schulschiff Deutschland“ in Vegesack sieht, kann sich der Seefahrer-Romantik kaum entziehen. Fast unwillkürlich stellt man sich den Dreimaster auf großer Fahrt vor. Malt sich aus, wie das über 86 Meter lange Schiff durch Wellentäler gleitet, wie es unter vollen Segeln fernen Zielen zustrebt.

Keine ganz falsche Vorstellung. Doch tatsächlich war das 1927 in Geestemünde gebaute Stahlschiff nur knappe 18 Jahre lang auf den Meeren dieser Welt unterwegs. „Ein Fünftel ihrer bisherigen Lebenszeit“, wie der frühere Wirtschaftssenator Claus Jäger vorrechnet, seit 1996 Vorsitzender des Deutschen Schulschiff-Vereins.

Doch was macht das schon, eine Augenweide ist das frühere Ausbildungsschiff der Handelsschifffahrt trotzdem. Und sieht als alte Dame nun den Feierlichkeiten zu ihrem 90. Geburtstag entgegen. Vom 7. bis 9. Juli soll die Jubiläumsfeier steigen. „Den Termin haben wir zwischen Stapellauf und Jungfernfahrt gelegt, damit es zu keinerlei Terminkollisionen kommt“, sagt Jäger. Ein Programm gibt es zwar noch nicht und auch keinen Festredner, aber das sieht der 73-Jährige gelassen. Noch bleibt ja einige Zeit, um die Dinge ins Lot zu bringen.

Dass die Geschichte des Schulschiffs nicht so bewegt ist wie ursprünglich erhofft hat mit den schwierigen Zeitläuften zu tun. Denn als Ausbildungsschiff sollte der Dreimaster natürlich durch die Weltmeere pflügen. Doch bei Ausbruch des Zweiten Weltkrieges war plötzlich Schluss mit den Hochsee-Törns. Statt in den Südatlantik oder in die Karibik ging es jetzt nur noch zu Ausbildungsfahrten in die Ostsee. Und selbst damit war es im Herbst 1944 vorbei, seither dümpelte das Schiff in Lübeck vor sich hin.

Nach einer weiteren Station als Wohnschiff für deutsche Minenräumeinheiten in Cuxhaven wurde der Dreimaster 1948 nach Bremen geschleppt. Und damit von der britischen in die amerikanische Besatzungszone. „Um einer Auslieferung an die Briten zu entgehen“, so Jäger.

Ansehnliche Ausmaße: das Schulschiff bei seinem Stapellauf 1927.
Quelle: Deutscher Schulschiff-Verein

Intermezzo als Jugendherberge

Es folgte ein zweijähriges Intermezzo als Jugendherberge, erst 1950 wurde das Schulschiff wieder dem Verein überstellt. So mancher träumte wohl damals noch davon, das Schiff wieder seetüchtig zu machen. Doch daraus wurde nichts, von 1952 bis 1972 lag die „Schulschiff Deutschland“ als stationäres Ausbildungsschiff jenseits der Eisenbahnbrücke an der linken Weserseite in Woltmershausen. Besonders zimperlich sprang man mit dem Nachwuchs für die Handelsschifffahrt nicht um. „Die wurden gedrillt wie Kadetten“, sagt Jäger. Danach schlossen sich mehr als zwei Jahrzehnte als Schulinternat und Ausbildungswerkstatt an. Die Werkstatträume gibt es heute noch, sie sind bloß nicht öffentlich zugänglich.

Seit mehr als 20 Jahren Vorsitzender des Schulschiff-Verein: der frühere Wirtschaftssenator Claus Jäger.
Foto: Frank Hethey

Den strahlendweißen Anstrich aus seinen frühen Jahren hatte das Schulschiff damals schon längst eingebüßt, zum Schutz vor Luftangriffen war ihm 1944 ein grauer Tarnanstrich verpasst worden. Nach Kriegsende wurde der Rumpf dann schwarz gestrichen, so kennen viele Bremer das Schulschiff noch von seinem früheren Liegeplatz. Der Grund dafür ist denkbar prosaisch. „Ein schwarzer Rumpf ist pflegeleichter“, sagt Jäger. Schwarz war der Rumpf auch noch, als es 1995 zur Reparatur in die Vulkan-Werft nach Vegesack ging. „Und dann kam das Schiff weiß zurück.“ Weil es eben möglichst originalgetreu wiederhergestellt werden sollte. Als „weißer Schwan der Unterweser“, wie Hans Georg Prager in seinem Buch über das Schulschiff schreibt.

Um den adäquaten Liegeplatz gab es mehr als einmal ein regelrechtes Tauziehen. Noch als Wirtschaftssenator regte Jäger die Schlachte als Standort an. Doch schon der Tiefgang von 5,40 Metern sprach dagegen. „Die Weser ist da nämlich nur drei Meter tief“, sagt Jäger. Auch die nicht kippbaren Stahlmasten waren ein gewichtiges Gegenargument. Weil damals Europa- und Überseehafen nicht in Frage kamen, ergab sich der Liegeplatz in Vegesack fast von selbst: an der Mündung der Lesum in die Weser, nur einen Steinwurf von der Hochhaussiedlung Grohner Düne entfernt.

In luftiger Höhe mit Meeresblick: ein angehender Seemann posiert für die Kamera.
Quelle: Deutscher Schulschiff-Verein

Protestbriefe in Büro des Senators

In Bremen hagelte es daraufhin Proteste, ein großer Wäschekorb voll mit Briefen habe in seinem Büro gestanden, erinnert sich Jäger. Dass die Verlegung ihm zugeschrieben wurde, ärgert ihn noch heute. Zumal seine Herkunft aus Lesum dabei keine Rolle gespielt habe. Das eine habe mit dem anderen nichts zu tun. „Den neuen Standort habe ich aus sachlichen Gründen für richtig und gut befunden.“ Denn so bleibe das Schiff beweglich, es könne in eine Werft geschleppt werden oder in die Außenweser. Das letzte Wort habe aber der Deutsche Schulschiff-Verein als Eigner gehabt – dessen Vorsitz Jäger erst nach seinem Ausscheiden aus dem Amt des Senators angetragen wurde. „Für mich völlig überraschend“, wie er sagt. „Ich habe noch nicht mal einen Sportbootführerschein.“

Danach poppte die Standortfrage noch zwei Mal auf. Erst wollte der Reeder Nils Stolberg das Schulschiff doch noch an die Schlachte bugsieren, dann buhlte Bremerhaven um das Schmuckstück. Doch davon will Jäger nichts mehr hören, die Standortdiskussion ist für ihn erledigt. Denn: „Bremens Steuerzahler haben in diesen Standort in nicht unerheblichem Maße Steuergelder gesteckt.“ Bis heute beteiligt sich Bremen an der Finanzierung, darum findet es Jäger nicht angemessen, den Standort in Frage zu stellen. Zumal die Vegesacker selbst inzwischen eine emotionale Bindung zu dem Schulschiff aufgebaut hätten.

Dass Jäger den authentischen Zustand des denkmalgeschützten Schulschiffs so gut wie irgend möglich erhalten will, versteht sich von selbst. Sogar Bestrebungen, die Präambel des Vereins zeitgemäß zu aktualisieren, hat er sich erfolgreich widersetzt. Eine Änderung ohne wirkliche Not? „Das macht man nicht“, sagt er.

Anders die Situation in der Schiffsmesse, da habe es dringenden Handlungsbedarf gegeben. „Die hatte vor 20 Jahren den Charme eines Bahnhofsimbisses.“ Einen Kompromiss musste er auch eingehen als es darum ging, Kabinen für Radwanderer einzurichten. „Toiletten gab es nur auf dem Vordeck, das konnten wir zahlenden Gästen nicht zumuten.“ Daher wurden eine Reihe Nasszellen unter Deck eingerichtet. „Aber nicht für jede Kabine!“

Hohe Unterhaltungskosten

Gut vertäut und fest verankert: die „Schulschiff Deutschland“ an ihrem Liegeplatz in Vegesack.
Foto: Frank Hethey

Der Unterhalt der „Schulschiff Deutschland“ kostet jedes Jahr 250.000 Euro. Eine stolze Summe, die sich aus vielen Komponenten zusammensetzt, darunter Versicherungsbeiträge, Reparaturen, auch Bezahlung für Wachgänge rund um die Uhr. Der Verein mit seinen knapp 300 Mitgliedern kann diese Summe nur stemmen, wenn neben Mitgliedsbeiträgen und Spenden auch Erträge aus wirtschaftlicher Nutzung hinzukommen. „Darum freuen wir uns über jede Übernachtung auf dem Schiff. Und genauso, wenn die Leute unser Angebot nutzen und sich an Bord trauen lassen.“

An der Lobbyarbeit wirkt Jäger nach Kräften mit. „Die Attraktivität des Standorts ist wichtig“, sagt er. Womit der gesamte Standort Vegesack gemeint ist. Frei nach dem Motto: Was gut für das Schulschiff ist, ist auch gut für Vegesack.

Wird es sie denn mal wieder geben, bewegte Zeiten für das „Schulschiff Deutschland“? Durchaus denkbar. Zweimal hat der Segler schon an der Sail in Bremerhaven teilgenommen, warum nicht auch ein drittes Mal? „Wenn es passt, machen wir es gern wieder“, sagt Jäger. Vorausgesetzt, es findet sich ein Sponsor für die Überführungskosten in Höhe von 40.000 Euro. Schließlich kann das betagte Schiff keine Segel mehr setzen, auf große Fahrt geht es nur noch im Schlepptau.

Ansonsten gilt: Kurs halten. Auch für Jäger persönlich, der nun schon seit über 20 Jahren dem Schulschiff-Verein vorsteht und noch keine Spur von Amtsmüdigkeit erkennen lässt. „Wir sind schon sehr zufrieden, wenn wir das Schiff im derzeitigen Zustand erhalten können.“

von Frank Hethey

Dieser Beitrag ist in leicht gekürzter Fassung am 21. April 2017 im Weser-Kurier erschienen. 

Nur 18 Jahre auf hoher See: die „Schulschiff Deutschland“.
Quelle: Deutscher Schulschiff-Verein